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Johann Wolfgang Goethe. Egmont
Ein Trauerspiel in fö¼nf Aufzö¼gen
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Personen:
Margarete von Parma, Tochter Karls des Fö¼nften,
Regentin der Niederlande
Graf Egmont, Prinz von Gaure
Wilhelm von Oranien
Herzog von Alba
Ferdinand, sein natö¼rlicher Sohn
Machiavell, im Dienste der Regentin
Richard, Egmonts Geheimschreiber
Silva und Gomez, unter Alba dienend
Klö¤rchen, Egmonts Geliebte
Ihre Mutter
Brackenburg, ein Bö¼rgerssohn
Soest, Krö¤mer, Bö¼rger von Brö¼ssel
Jetter, Schneider, Bö¼rger von Brö¼ssel
Zimmermann und Seifensieder, Bö¼rger von Brö¼ssel
Buyck, Soldat unter Egmont
Ruysum, Invalide und taub
Vansen, ein Schreiber
Volk, Gefolge, Wachen usw.
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Erster Aufzug
ArmbrustschieöŸen
Soldaten und Bö¼rger mit Armbrö¼sten
Jetter, Bö¼rger von Brö¼ssel, Schneider, tritt vor und
spannt die
Armbrust. Soest, Bö¼rger von Brö¼ssel, Krö¤mer.
Soest. Nun schieöŸt nur hin, daöŸ es alle wird! Ihr nehmt
mir's doch
nicht! Drei Ringe schwarz, die habt Ihr Eure Tage nicht geschossen.
Und so
wö¤r' ich fö¼r dies Jahr Meister.
Jetter. Meister und Kö¶nig dazu. Wer miöŸgö¶nnt's Euch? Ihr
sollt
dafö¼r auch die Zeche doppelt bezahlen; Ihr sollt Eure
Geschicklichkeit
bezahlen, wie's 'recht ist.
(Buyck, ein Hollö¤nder, Soldat unter Egmont.)
Buyck. Jetter, den SchuöŸ handl' ich Euch ab, teile den
Gewinst,
traktiere die Herren: ich bin so schon lange hier und
fö¼r viele
Hö¶flichkeit Schuldner. Fehl ich, so ist's, als wenn Ihr geschossen hö¤ttet.
-
Soest. Ich sollte dreinreden: denn eigentlich verlier ich dabei.
Doch,
Buyck, nur immerhin.
Buyck (schieöŸt). Nun, Pritschmeister, Reverenz! - Eins! Zwei!
Drei!
Vier!
Soest. Vier Ringe? Es sei!
Alle. Vivat, Herr Kö¶nig, hoch! und abermal hoch!
Buyck. Danke, ihr Herren. Wö¤re Meister zu viel! Danke fö¼r die
Ehre.
Jetter. Die habt Ihr Euch selbst zu danken.
(Ruysum, ein Frieslö¤nder, Invalide und taub.)
Ruysum. DaöŸ ich euch sage!
Soest. Wie ist's, Alter?
Ruysum. DaöŸ ich euch sage! - Er schieöŸt wie sein Herr, er
schieöŸt
wie Egmont.
Buyck. Gegen ihn bin ich nur ein armer Schlucker. Mit der
Bö¼chse
trifft er erst, wie keiner in der Welt. Nicht etwa, wenn er Glö¼ck
oder gute
Laune hat; nein! wie er anlegt, immer rein schwarz geschossen.
Gelernt habe
ich von ihm. Das wö¤re auch ein Kerl, der bei ihm diente und
nichts von ihm
lernte. - Nicht zu vergessen, meine Herren! Ein Kö¶nig nö¤hrt seine
Leute;
und so, auf des Kö¶nigs Rechnung, Wein her!
Jetter. Es ist unter uns ausgemacht, daöŸ jeder -
Buyck. Ich bin fremd und Kö¶nig, und achte eure Gesetze und
Herkommen
nicht.
Jetter. Du bist ja ö¤rger als der Spanier; der hat sie uns
doch bisher
lassen mö¼ssen.
Ruysum. Was?
Soest (laut). Er will uns gastieren; er will nicht haben,
daöŸ wir
zusammenlegen und der Kö¶nig nur das Doppelte zahlt.
Ruysum. LaöŸt ihn! doch ohne Prö¤judiz! Das ist auch seines
Herrn Art,
splendid zu sein und es laufen zu lassen, wo es gedeiht.
(Sie bringen Wein.)
Alle. Ihro Majestö¤t Wohl! Hoch!
Jetter (zu Buyck). Versteht sich: Eure Majestö¤t.
Buyck. Danke von Herzen, wenn's doch so sein soll.
Soest. Wohl! Denn unserer spanischen Majestö¤t Gesundheit trinkt
nicht
leicht ein Niederlö¤nder von Herzen.
Ruysum. Wer?
Soest (laut). Philipps des Zweiten, Kö¶nigs in Spanien.
Ruysum. Unser allergnö¤digster Kö¶nig und Herr! Gott geb' ihm
langes
Leben.
Soest. Hattet Ihr seinen Herrn Vater, Karl den Fö¼nften, nicht
lieber?
Ruysum. Gott trö¶st' ihn! Das war ein Herr! Er hatte die Hand
ö¼ber den
ganzen Erdboden und war euch alles in allem; und wenn er euch
begegnete, so
grö¼öŸt' er euch wie ein Nachbar den andern; und wenn ihr
erschrocken wart,
wuöŸt' er mit so guter Manier - ja, versteht mich - Er ging aus,
ritt aus,
wie's ihm einkam, gar mit wenig Leuten. Haben wir doch alle geweint,
wie er
seinem Sohn das Regiment hier abtrat - sagt' ich, versteht mich -
der ist
schon anders, der ist majestö¤tischer.
Jetter. Er lieöŸ sich nicht sehen, da er hier war, als in
Prunk und
kö¶niglichem Staate. Er spricht wenig, sagen die Leute.
Soest. Es ist kein Herr fö¼r uns Niederlö¤nder. Unsre Fö¼rsten
mö¼ssen
froh und frei sein wie wir, leben und leben lassen. Wir
wollen nicht
verachtet noch gedruckt sein, so gutherzige Narren wir auch sind.
Jetter. Der Kö¶nig, denk ich, wö¤re wohl ein gnö¤diger Herr,
wenn er
nur bessere Ratgeber hö¤tte.
Soest. Nein, nein! Er hat kein Gemö¼t gegen uns Niederlö¤nder,
sein
Herz ist dem Volke nicht geneigt, er liebt uns nicht; wie kö¶nnen
wir ihn
wiederlieben? Warum ist alle Welt dem Grafen Egmont so hold? Warum
trö¼gen
wir ihn alle auf den Hö¤nden? Weil man ihm ansieht, daöŸ er uns
wohlwill;
weil ihm die Frö¶hlichkeit, das freie Leben, die gute Meinung aus
den Augen
sieht; weil er nichts besitzt, das er dem Dö¼rftigen nicht mitteilte,
auch
dem, der's nicht bedarf. LaöŸt den Grafen Egmont leben! Buyck,
an Euch
ist's, die erste Gesundheit zu bringen! Bringt Eures Herrn Gesundheit
aus.
Buyck. Von ganzer Seele denn: Graf Egmont hoch!
Ruysum. öœberwinder bei St. Quintin.
Buyck. Dem Helden von Gravelingen!
Alle. Hoch!
Ruysum. St. Quintin war meine letzte Schlacht. ich konnte
kaum mehr
fort, kaum die schwere Bö¼chse mehr schleppen. Hab ich doch den
Franzosen
noch eins auf den Pelz gebrennt, und da kriegt' ich zum Abschied
noch einen
StreifschuöŸ ans rechte Bein.
Buyck. Gravelingen! Freunde! da ging's frisch! Den Sieg
haben wir
allein. Brannten und sengten die welschen Hunde nicht durch ganz
Flandern?
Aber ich mein, wir trafen sie! Ihre alten, handfesten Kerle
hielten lange
wider, und wir drö¤ngten und schossen und hieben, daöŸ sie die
Mö¤uler
verzerrten und ihre Linien zuckten. Da ward Egmont das Pferd unter
dem Leibe
niedergeschossen, und wir stritten lange hinö¼ber herö¼ber, Mann fö¼r
Mann,
Pferd gegen Pferd, Haufe mit Haufe, auf dem breiten flachen Sand an
der See
hin. Auf einmal kam's, wie vom Himmel herunter, von der
Mö¼ndung des
Flusses, bav, bau! immer mit Kanonen in die Franzosen drein.
Es waren
Englö¤nder, die unter dem Admiral Malin von ungefö¤hr von
Dö¼nkirchen her
vorbeifuhren. Zwar viel halfen sie uns nicht; sie konnten nur
mit den
kleinsten Schiffen herbei, und das nicht nah genug; schossen auch
wohl unter
uns - Es tat doch gut! Es brach die Welschen und hob unsern Mut.
Da ging's!
Rick! rack! herö¼ber, hinö¼ber! Alles totgeschlagen, alles ins
Wasser
gesprengt. Und die Kerle ersoffen, wie sie das Wasser schmeckten;
und was
wir Hollö¤nder waren, gerad hintendrein. Uns, die wir beidlebig sind,
ward
erst wohl im Wasser wie den Frö¶schen; und immer die Feinde
im FluöŸ
zusammengehauen, weggeschossen wie die Enten. Was nun noch
durchbrach,
schlugen euch auf der Flucht die Bauerweiber mit Hacken und
Mistgabeln tot.
MuöŸte doch die welsche Majestö¤t gleich das Pfö¶tchen reichen und
Friede
machen. Und den Frieden seid ihr uns schuldig, dem groöŸen Egmont
schuldig.
Alle. Hoch! dem groöŸen Egmont hoch! und abermal hoch! und
abermal
hoch!
Jetter. Hö¤tte man uns den statt der Margrete von Parma zum
Regenten
gesetzt!
Soest. Nicht so! Wahr bleibt wahr! Ich lasse mir
Margareten nicht
schelten. Nun ist's an mir. Es lebe unsre gnö¤d'ge Frau!
Alle. Sie lebe!
Soest. Wahrlich, treffliche Weiber sind in dem Hause. Die
Regentin
lebe!
Jetter. Klug ist sie, und mö¤öŸig in allem, was sie tut;
hielte sie's
nur nicht so steif und fest mit den Pfaffen. Sie ist doch auch mit,
schuld,
daöŸ wir die vierzehn neuen Bischofsmö¼tzen im Lande haben. Wozu
die nur
sollen? Nicht wahr, daöŸ man Fremde in die guten Stellen
einschieben kann,
wo sonst ö„bte aus den Kapiteln gewö¤hlt wurden? Und wir sollen
glauben, es
sei um der Religion willen. Ja, es hat sich. An drei Bischö¶fen
hatten wir
genug: da ging's ehrlich und ordentlich zu. Nun muöŸ doch auch
jeder tun,
als ob er nö¶tig wö¤re; und da setzt's allen Augenblick
VerdruöŸ und
Hö¤ndel. Und je mehr ihr das Ding rö¼ttelt und schö¼ttelt, desto
trö¼ber
wird's.
(Sie trinken.)
Soest. Das war nun des Kö¶nigs Wille; sie kann nichts
davon- noch
dazutun.
Jetter. Da sollen wir nun die neuen Psalmen nicht singen.
Sie sind
wahrlich gar schö¶n in Reimen gesetzt und haben recht erbauliche
Weisen. Die
sollen wir nicht singen, aber Schelmenlieder, so viel wir wollen. Und
warum?
Es seien Ketzereien drin, sagen sie, und Sachen, Gott weiöŸ. Ich
hab ihrer
doch auch gesungen; es ist jetzt was Neues, ich hab nichts drin
gesehen.
Buyck. Ich wollte sie fragen! In unsrer Provinz singen wir,
was wir
wollen. Das macht, daöŸ Graf Egmont unser Statthalter ist; der fragt
nach so
etwas nicht. - In Gent, Ypern, durch ganz Flandern singt sie, wer
Belieben
hat. (Laut.) Es ist ja wohl nichts unschuldiger als ein
geistlich Lied?
Nicht wahr, Vater?
Ruysum. Ei wohl! Es ist ja ein Gottesdienst, eine Erbauung.
Jetter. Sie sagen aber, es sei nicht auf die rechte Art, nicht
auf ihre
Art; und gefö¤hrlich ist's doch immer, da lö¤öŸt man's lieber sein.
Die
Inquisitionsdiener schleichen herum und passen auf; mancher ehrliche
Mann
ist schon unglö¼cklich geworden. Der Gewissenszwang fehlte noch!
Da ich
nicht tun darf, was ich mö¶chte, kö¶nnen sie mich doch denken
und singen
lassen, was ich will.
Soest. Die Inquisition kommt nicht auf. Wir sind nicht gemacht,
wie die
Spanier, unser Gewissen tyrannisieren zu lassen. Und der Adel
muöŸ auch
beizeiten suchen, ihr die Flö¼gel zu beschneiden.
Jetter. Es ist sehr fatal. Wenn's den lieben Leuten einfö¤llt,
in mein
Haus zu stö¼rmen, und ich sitz an meiner Arbeit und summe
just einen
franzö¶sischen Psalm und denke nichts dabei, weder Gutes noch Bö¶ses;
ich
summe ihn aber, weil er mir in der Kehle ist: gleich bin ich ein
Ketzer und
werde eingesteckt. Oder ich gehe ö¼ber Land und bleibe bei einem
Haufen
Volks stehen, das einem neuen Prediger zuhö¶rt, einem von denen,
die aus
Deutschland gekommen sind: auf der Stelle heiöŸ ich ein Rebell und
komme in
Gefahr, meinen Kopf zu verlieren. Habt ihr je einen predigen hö¶ren?
Soest. Wackre Leute. Neulich hö¶rt' ich einen auf dem Felde vor
tausend
und tausend Menschen sprechen. Das war ein ander Gekö¶ch, als wenn
unsre auf
der Kanzel herumtrommeln und die Leute mit lateinischen Brocken
erwö¼rgen.
Der sprach von der Leber weg; sagte, wie sie uns bisher hö¤tten bei
der Nase
herumgefö¼hrt, uns in der Dummheit erhalten, und wie wir mehr
Erleuchtung
haben kö¶nnten. - Und das bewies er euch alles aus der Bibel.
Jetter. Da mag doch auch was dran sein. Ich sagt's immer
selbst und
grö¼belte so ö¼ber die Sache nach. Mir ist's lang im Kopf
herumgegangen.
Buyck. Es lö¤uft ihnen auch alles Volk nach.
Soest. Das glaub ich, wo man was Gutes hö¶ren kann und was
Neues.
Jetter. Und was ist's denn nun? Man kann ja einen jeden
predigen lassen
nach seiner Weise.
Buyck. Frisch, ihr Herren! öœber dem Schwö¤tzen vergeöŸt ihr
den Wein
und Oranien.
Jetter. Den nicht zu vergessen. Das ist ein rechter Wall: wenn
man nur
an ihn denkt, meint man gleich, man kö¶nne sich hinter ihn
verstecken und
der Teufel brö¤chte einen nicht hervor. Hoch! Wilhelm von Oranien,
hoch!
Alle. Hoch! hoch!
Soest. Nun, Alter, bring auch deine Gesundheit.
Ruysum. Alte Soldaten! Alle Soldaten! Es lebe der Krieg!
Buyck. Bravo, Alter! Alle Soldaten! Es lebe der Krieg!
Jetter. Krieg! Krieg! WiöŸt ihr auch, was ihr ruft? DaöŸ es
euch leicht
vom Munde geht, ist wohl natö¼rlich; wie lumpig aber unsereinem dabei
zumute
ist, kann ich nicht sagen. Das ganze Jahr das Getrommel zu hö¶ren;
und
nichts zu hö¶ren, als wie da ein Haufen gezogen kommt und dort
ein andrer,
wie sie ö¼ber einen Hö¼gel kamen und bei einer Mö¼hle hielten,
wieviel da
geblieben sind, wieviel dort, und wie sie sich drö¤ngen, und einer
gewinnt,
der andere verliert, ohne daöŸ man sein Tage begreift, wer was
gewinnt oder
verliert. Wie eine Stadt eingenommen wird, die Bö¼rger ermordet werden,
und
wie's den armen Weibern, den unschuldigen Kindern ergeht. Das ist
eine Not
und Angst, man denkt jeden Augenblick: á»Da kommen sie! Es geht
uns auch
so.á«
Soest. Drum muöŸ auch ein Bö¼rger immer in Waffen geö¼bt sein.
Jetter. Ja, es ö¼bt sich, wer Frau und Kinder hat. Und doch
hö¶r ich
noch lieber von Soldaten, als ich sie sehe.
Buyck. Das sollt' ich ö¼belnehmen.
Jetter. Auf Euch ist's nicht gesagt, Landsmann. Wie wir die
spanischen
Besatzungen los waren, holten wir wieder Atem.
Soest. Gelt! die lagen dir am schwersten auf?
Jetter. Vexier' Er sich.
Soest. Die hatten scharfe Einquartierung bei dir.
Jetter. Halt dein Maul.
Soest. Sie hatten ihn vertrieben aus der Kö¼che, dem Keller,
der Stube
- dem Bette.
(Sie lachen.)
Jetter. Du bist ein Tropf.
Buyck. Friede, ihr Herren! MuöŸ der Soldat Friede rufen? -
Nun da ihr
von uns nichts hö¶ren wollt, nun bringt auch eure Gesundheit aus,
eine
bö¼rgerliche Gesundheit.
Jetter. Dazu sind wir bereit! Sicherheit und Ruhe!
Soest. Ordnung und Freiheit!
Buyck. Brav! das sind auch wir zufrieden.
(Sie stoöŸen an und wiederholen frö¶hlich die Worte, doch so,
daöŸ
jeder ein anders ausruft und es eine Art Kanon wird. Der Alte
horcht und
fö¤llt endlich auch mit ein.)
Alle. Sicherheit und Ruhe! Ordnung und Freiheit!
Palast der Regentin
Margarete von Parma in Jagdkleidern. Hofleute. Pagen. Bediente.
Regentin. Ihr stellt das Jagen ab, ich werde heut nicht reiten.
Sagt
Machiavellen, er soll zu mir kommen.
(Alle gehen ab.)
Der Gedanke an diese schrecklichen Begebenheiten lö¤öŸt mir keine
Ruhe!
Nichts kann mich ergetzen, nichts mich zerstreuen; immer sind diese
Bilder,
diese Sorgen vor mir. Nun wird der Kö¶nig sagen, dies sei'n
die Folgen
meiner Gö¼te, meiner Nachsicht; und doch sagt mir mein Gewissen
jeden
Augenblick, das Rö¤tlichste, das Beste getan zu haben. Sollte ich
frö¼her
mit dem Sturme des Grimmes diese Flammen anfachen und umhertreiben?
Ich
hoffte sie zu umstellen, sie in sich selbst zu verschö¼tten. Ja, was
ich mir
selbst sage, was ich wohl weiöŸ, entschuldigt mich vor mir selbst;
aber wie
wird es mein Bruder aufnehmen? Denn, ist es zu leugnen? Der
öœbermut der
fremden Lehrer hat sich tö¤glich erhö¶ht; sie haben unser
Heiligtum
gelö¤stert, die stumpfen Sinne des Pö¶bels zerrö¼ttet und den
Schwindelgeist
unter sie gebannt. Unreine Geister haben sich unter die Aufrö¼hrer
gemischt,
und schreckliche Taten sind geschehen, die zu denken schauderhaft ist,
und
die ich nun einzeln nach Hofe zu berichten habe, schnell und einzeln,
damit
mir der allgemeine Ruf nicht zuvorkomme, damit der Kö¶nig nicht denke,
man
wolle noch mehr verheimlichen. Ich sehe kein Mittel, weder
strenges noch
gelindes, dem öœbel zu steuern. O was sind wir GroöŸen auf der
Woge der
Menschheit? Wir glauben sie zu beherrschen, und sie treibt uns
auf und
nieder, hin und her.
(Machiavell tritt auf.)
Regentin. Sind die Briefe an den Kö¶nig aufgesetzt?
Machiavell. In einer Stunde werdet Ihr sie unterschreiben kö¶nnen.
Regentin. Habt Ihr den Bericht ausfö¼hrlich genug gemacht?
Machiavell. Ausfö¼hrlich und umstö¤ndlich, wie es der Kö¶nig liebt.
Ich
erzö¤hle, wie zuerst um St. Omer die bilderstö¼rmerische Wut sich
zeigt. Wie
eine rasende Menge, mit Stö¤ben, Beilen, Hö¤mmern, Leitern,
Stricken
versehen, von wenig Bewaffneten begleitet, erst Kapellen, Kirchen
und
Klö¶ster anfallen, die Andö¤chtigen verjagen, die verschlossenen
Pforten
aufbrechen, alles umkehren, die Altö¤re niederreiöŸen, die Statuen
der
Heiligen zerschlagen, alle Gemö¤lde verderben, alles, was sie nur
Geweihtes,
Geheiligtes antreffen, zerschmettern, zerreiöŸen, zertreten. Wie sich
der
Haufe unterwegs vermehrt, die Einwohner von Ypern ihnen die Tore erö¶ffnen.
Wie sie den Dom mit unglaublicher Schnelle verwö¼sten, die
Bibliothek des
Bischofs verbrennen. Wie eine groöŸe Menge Volks, von gleichem
Unsinn
ergriffen, sich ö¼ber Menin, Comines, Werwicq, Lille verbreitet,
nirgend
Widerstand findet, und wie fast durch ganz Flandern in einem
Augenblicke die
ungeheure Verschwö¶rung sich erklö¤rt und ausgefö¼hrt ist.
Regentin. Ach, wie ergreift mich aufs neue der Schmerz bei
deiner
Wiederholung! Und die Furcht gesellt sich dazu, das öœbel werde nur
grö¶öŸer
und grö¶öŸer werden. Sagt mir Eure Gedanken, Machiavell!
Machiavell. Verzeihen Eure Hoheit, meine Gedanken sehen
Grillen so
ö¤hnlich; und wenn Ihr auch immer mit meinen Diensten zufrieden wart,
habt
Ihr doch selten meinem Rat folgen mö¶gen. Ihr sagtet oft im
Scherze: á»Du
siehst zu weit, Machiavell! Du solltest Geschichtschreiber sein:
wer
handelt, muöŸ fö¼rs Nö¤chste sorgen.á« Und doch, habe ich diese
Geschichte
nicht vorauserzö¤hlt? Hab ich nicht alles vorausgesehen?
Regentin. Ich sehe auch viel voraus, ohne es ö¤ndern zu kö¶nnen.
Machiavell. Ein Wort fö¼r tausend: Ihr unterdrö¼ckt die neue
Lehre
nicht. LaöŸt sie gelten, sondert sie von den Rechtglö¤ubigen, gebt
ihnen
Kirchen, faöŸt sie in die bö¼rgerliche Ordnung, schrö¤nkt sie ein;
und so
habt Ihr die Aufrö¼hrer auf einmal zur Ruhe gebracht. Jede andern
Mittel
sind vergeblich, und Ihr verheert das Land.
Regentin. Hast du vergessen, mit welchem Abscheu mein Bruder
selbst die
Frage verwarf, ob man die neue Lehre dulden kö¶nne? WeiöŸt du nicht,
wie er
mir in jedem Briefe die Erhaltung des wahren Glaubens aufs
eifrigste
empfiehlt? daöŸ er Ruhe und Einigkeit auf Kosten der Religion
nicht
hergestellt wissen will? Hö¤lt er nicht selbst in den Provinzen
Spione, die
wir nicht kennen, um zu erfahren, wer sich zu der neuen
Meinung
hinö¼berneigt? Hat er nicht zu unsrer Verwunderung uns diesen und
jenen
genannt, der sich in unsrer Nö¤he heimlich der Ketzerei schuldig
machte?
Befiehlt er nicht Strenge und Schö¤rfe? Und ich soll gelind sein?
ich soll
Vorschlö¤ge tun, daöŸ er nachsehe, daöŸ er dulde? Wö¼rde ich
nicht alles
Vertrauen, allen Glauben bei ihm verlieren?
Machiavell. Ich weiöŸ wohl; der Kö¶nig befiehlt, er lö¤öŸt
Euch seine
Absichten wissen. Ihr sollt Ruhe und Friede wiederherstellen,
durch ein
Mittel, das die Gemö¼ter noch mehr erbittert, das den Krieg
unvermeidlich an
allen Enden anblasen wird. Bedenkt, was Ihr tut. Die grö¶öŸten
Kaufleute
sind angesteckt, der Adel, das Volk, die Soldaten. Was hilft es,
auf seinen
Gedanken beharren, wenn sich um uns alles ö¤ndert? Mö¶chte doch
ein guter
Geist Philippen eingeben, daöŸ es einem Kö¶nige anstö¤ndiger ist,
Bö¼rger
zweierlei Glaubens zu regieren, als sie durch einander aufzureiben.
Regentin. Solch ein Wort nie wieder. Ich weiöŸ wohl, daöŸ
Politik
selten Treu und Glauben halten kann, daöŸ sie Offenheit,
Gutherzigkeit,
Nachgiebigkeit aus unsern Herzen ausschlieöŸt. In weltlichen Geschö¤ften
ist
das leider nur zu wahr; sollen wir aber auch mit Gott spielen
wie unter
einander? Sollen wir gleichgö¼ltig gegen unsre bewö¤hrte Lehre sein,
fö¼r
die so viele ihr Leben aufgeopfert haben? Die sollten wir
hingeben an
hergelaufne, ungewisse, sich selbst widersprechende Neuerungen?
Machiavell. Denkt nur deswegen nicht ö¼bler von mir.
Regentin. Ich kenne dich und deine Treue und weiöŸ, daöŸ
einer ein
ehrlicher und verstö¤ndiger Mann sein kann, wenn er gleich den nö¤chsten
besten Weg zum Heil seiner Seele verfehlt hat. Es sind noch
andere,
Machiavell, Mö¤nner, die ich schö¤tzen und tadeln muöŸ.
Machiavell. Wen bezeichnet Ihr mir?
Regentin. Ich kann es gestehen, daöŸ mir Egmont heute
einen recht
innerlichen tiefen VerdruöŸ erregte.
Machiavell. Durch welches Betragen?
Regentin. Durch sein gewö¶hnliches, durch Gleichgö¼ltigkeit
und
Leichtsinn. Ich erhielt die schreckliche Botschaft, eben als ich, von
vielen
und ihm begleitet, aus der Kirche ging. Ich hielt meinen Schmerz
nicht an,
ich beklagte mich laut und rief, indem ich mich zu ihm wendete. á»Seht,
was
in Eurer Provinz entsteht! Das duldet Ihr, Graf, von dem der Kö¶nig
sich
alles versprach?á«
Machiavell. Und was antwortete er?
Regentin. Als wenn es nichts, als wenn es eine Nebensache
wö¤re,
versetzte er: á»Wö¤ren nur erst die Niederlö¤nder ö¼ber ihre
Verfassung
beruhigt! Das ö¼brige wö¼rde sich leicht geben.á«
Machiavell. Vielleicht hat er wahrer als klug und fromm
gesprochen. Wie
soll Zutrauen entstehen und bleiben, wenn der Niederlö¤nder sieht,
daöŸ es
mehr um seine Besitztö¼mer als um sein Wohl, um seiner Seele
Heil zu tun
ist? Haben die neuen Bischö¶fe mehr Seelen gerettet, als fette
Pfrö¼nden
geschmaust, und sind es nicht meist Fremde? Noch werden
alle
Statthalterschaften mit Niederlö¤ndern besetzt; lassen sich es die
Spanier
nicht zu deutlich merken, daöŸ sie die grö¶öŸte, unwiderstehlichste
Begierde
nach diesen Stellen empfinden? Will ein Volk nicht lieber nach
seiner Art
von den Seinigen regieret werden als von Fremden, die erst im
Lande sich
wieder Besitztö¼mer auf Unkosten aller zu erwerben suchen, die einen
fremden
MaöŸstab mitbringen und unfreundlich und ohne Teilnehmung herrschen?
Regentin. Du stellst dich auf die Seite der Gegner.
Machiavell. Mit dem Herzen gewiöŸ nicht; und wollte, ich kö¶nnte
mit
dem Verstande ganz auf der unsrigen sein.
Regentin. Wenn du so willst, so tö¤t' es not, ich trö¤te
ihnen meine
Regentschaft ab; denn Egmont und Oranien machten sich groöŸe
Hoffnung,
diesen Platz einzunehmen. Damals waren sie Gegner; jetzt sind sie
gegen mich
verbunden, sind Freunde, unzertrennliche Freunde geworden.
Machiavell. Ein gefö¤hrliches Paar.
Regentin. Soll ich aufrichtig reden: ich fö¼rchte Oranien,
und ich
fö¼rchte fö¼r Egmont. Oranien sinnt nichts Gutes, seine Gedanken
reichen in
die Ferne, er ist heimlich, scheint alles anzunehmen, widerspricht nie,
und
in tiefster Ehrfurcht, mit grö¶öŸter Vorsicht tut er, was ihm beliebt.
Machiavell. Recht im Gegenteil geht Egmont einen freien Schritt,
als
wenn die Welt ihm gehö¶rte.
Regentin. Er trö¤gt das Haupt so hoch, als wenn die Hand der
Majestö¤t
nicht ö¼ber ihm schwebte.
Machiavell. Die Augen des Volks sind alle nach ihm gerichtet,
und die
Herzen hö¤ngen an ihm.
Regentin. Nie hat er einen Schein vermieden; als wenn
niemand
Rechenschaft von ihm zu fordern hö¤tte. Noch trö¤gt er den Namen
Egmont.
Graf Egmont freut ihn sich nennen zu hö¶ren; als wollte er nicht
vergessen,
daöŸ seine Vorfahren Besitzer von Geldern waren. Warum nennt er
sich nicht
Prinz von Gaure, wie es ihm zukommt? Warum tut er das? Will er
erloschne
Rechte wieder geltend machen?
Machiavell. Ich halte ihn fö¼r einen treuen Diener des Kö¶nigs.
Regentin. Wenn er wollte, wie verdient kö¶nnte er sich um die
Regierung
machen; anstatt daöŸ er uns schon, ohne sich zu nutzen, unsö¤glichen
VerdruöŸ gemacht hat. Seine Gesellschaften, Gastmahle und Gelage
haben den
Adel mehr verbunden und verknö¼pft als die gefö¤hrlichsten
heimlichen
Zusammenkö¼nfte. Mit seinen Gesundheiten haben die Gö¤ste einen
dauernden
Rausch, einen nie sich verziehenden Schwindel geschö¶pft. Wie oft
setzt er
durch seine Scherzreden die Gemö¼ter des Volks in Bewegung, und wie
stutzte
der Pö¶bel ö¼ber die neuen Livreen, ö¼ber die tö¶richten
Abzeichen der
Bedienten!
Machiavell. Ich bin ö¼berzeugt, es war ohne Absicht.
Regentin. Schlimm genug. Wie ich sage: er schadet uns und
nö¼tzt sich
nicht. Er nimmt das Ernstliche scherzhaft; und wir, um nicht
mö¼öŸig und
nachlö¤ssig zu scheinen, mö¼ssen das Scherzhafte ernstlich nehmen. So
hetzt
eins das andre; und was man abzuwenden sucht, das macht sich erst
recht. Er
ist gefö¤hrlicher als ein entschiednes Haupt einer Verschwö¶rung;
und ich
mö¼öŸte mich sehr irren, wenn man ihm bei Hofe nicht alles gedenkt.
Ich kann
nicht leugnen, es vergeht wenig Zeit, daöŸ er mich nicht empfindlich,
sehr
empfindlich macht.
Machiavell. Er scheint mir in allem nach seinem Gewissen zu
handeln.
Regentin. Sein Gewissen hat einen gefö¤lligen Spiegel. Sein
Betragen
ist oft beleidigend. Er sieht oft aus, als wenn er in der
vö¶lligen
öœberzeugung lebe, er sei Herr und wolle es uns nur aus Gefö¤lligkeit
nicht
fö¼hlen lassen, wolle uns so gerade nicht zum Lande hinausjagen;
es werde
sich schon geben.
Machiavell. Ich bitte Euch, legt seine Offenheit, sein
glö¼ckliches
Blut, das alles Wichtige leicht behandelt, nicht zu gefö¤hrlich aus.
Ihr
schadet nur ihm und Euch.
Regentin. Ich lege nichts aus. Ich spreche nur von den
unvermeidlichen
Folgen, und ich kenne ihn. Sein niederlö¤ndischer Adel und sein
Golden Vlies
vor der Brust stö¤rken sein Vertrauen, seine Kö¼hnheit. Beides kann
ihn vor
einem schnellen, willkö¼rlichen Unmut des Kö¶nigs schö¼tzen.
Untersuch es
genau; an dem ganzen Unglö¼ck, das Flandern trifft, ist er doch
nur allein
schuld. Er hat zuerst den fremden Lehrern nachgesehn, hat's so
genau nicht
genommen und vielleicht sich heimlich gefreut, daöŸ wir etwas zu
schaffen
hatten. LaöŸ mich nur; was ich auf dem Herzen habe, soll
bei dieser
Gelegenheit davon. Und ich will die Pfeile nicht umsonst verschieöŸen;
ich
weiöŸ, wo er empfindlich ist. Er ist auch empfindlich.
Machiavell. Habt Ihr den Rat zusammenberufen lassen? Kommt
Oranien
auch?
Regentin. Ich habe nach Antwerpen um ihn geschickt. Ich will
ihnen die
Last der Verantwortung nahe genug zuwö¤lzen; sie sollen sich mit
mir dem
öœbel ernstlich entgegensetzen oder sich auch als Rebellen erklö¤ren.
Eile,
daöŸ die Briefe fertig werden, und bringe mir sie zur Unterschrift.
Dann
sende schnell den bewö¤hrten Vaska nach Madrid; er ist unermö¼det
und treu;
daöŸ mein Bruder zuerst durch ihn die Nachricht erfahre, daöŸ der
Ruf ihn
nicht ö¼bereile. Ich will ihn selbst noch sprechen, eh' er abgeht.
Machiavell. Eure Befehle sollen schnell und genau befolgt werden.
Bö¼rgerhaus
Klare. Klarens Mutter. Brackenburg.
Klare. Wollt Ihr mir nicht das Garn halten, Brackenburg?
Brackenburg. Ich bitt Euch, verschont mich, Klö¤rchen.
Klare. Was habt Ihr wieder? Warum versagt Ihr mir diesen
kleinen
Liebesdienst?
Brackenburg. Ihr bannt mich mit dem Zwirn so fest vor Euch
hin, ich
kann Euern Augen nicht ausweichen.
Klare. Grillen! kommt und haltet!
Mutter (im Sessel strickend). Singt doch eins! Brackenburg
sekundiert
so hö¼bsch. Sonst wart ihr lustig, und ich hatte immer was zu lachen.
Brackenburg. Sonst.
Klare. Wir wollen singen.
Brackenburg. Was Ihr wollt.
Klare. Nur hö¼bsch munter und frisch weg! Es ist ein
Soldatenliedchen,
mein Leibstö¼ck. (Sie wickelt Garn und singt mit Brackenburg.)
Die Trommel gerö¼hret!
Das Pfeifchen gespielt!
Mein Liebster gewaffnet
Dem Haufen befiehlt,
Die Lanze hoch fö¼hret,
Die Leute regieret.
Wie klopft mir das Herze!
Wie wallt mir das Blut!
O hö¤tt' ich ein Wö¤mslein
Und Hosen und Hut!
Ich folgt' ihm zum Tor 'naus
Mit mutigem Schritt,
Ging' durch die Provinzen,
Ging' ö¼berall mit.
Die Feinde schon weichen,
Wir schieöŸen darein.
Welch Glö¼ck sondergleichen,
Ein Mannsbild zu sein!
(Brackenburg hat unter dem Singen Klö¤rchen oft angesehen;
zuletzt
bleibt ihm die Stimme stocken, die Trö¤nen kommen ihm in die
Augen, er
lö¤öŸt den Strang fallen und geht ans Fenster. Klö¤rchen singt
das Lied
allein aus, die Mutter winkt ihr halb unwillig, sie steht auf,
geht einige
Schritte nach ihm hin, kehrt halb unschlö¼ssig wieder um und setzt
sich.)
Mutter. Was gibt's auf der Gasse, Brackenburg? Ich hö¶re
marschieren.
Brackenburg. Es ist die Leibwache der Regentin.
Klare. Um diese Stunde? was soll das bedeuten? (Sie steht auf
und geht
an das Fenster zu Brackenburg.) Das ist nicht die tö¤gliche Wache,
das sind
weit mehr! Fast alle ihre Haufen. O Brackenburg, geht! hö¶rt einmal,
was es
gibt. Es muöŸ etwas Besonderes sein. Geht, guter Brackenburg, tut
mir den
Gefallen.
Brackenburg. Ich gehe! Ich bin gleich wieder da (Er reicht ihr
abgehend
die Hand; sie gibt ihm die ihrige.)
Mutter. Du schickst ihn schon wieder weg.
Klare. Ich bin neugierig; und auch, verdenkt mir's nicht,
seine
Gegenwart tut mir weh. Ich weiöŸ immer nicht, wie ich mich
gegen ihn
betragen soll. Ich habe unrecht gegen ihn, und mich nagt's am
Herzen, daöŸ
er es so lebendig fö¼hlt. - Kann ich's doch nicht ö¤ndern!
Mutter. Es ist ein so treuer Bursche.
Klare. Ich kann's auch nicht lassen, ich muöŸ ihm freundlich
begegnen.
Meine Hand drö¼ckt sich oft unversehens zu, wenn die seine mich so
leise, so
liebevoll anfaöŸt. Ich mache mir Vorwö¼rfe, daöŸ ich ihn betriege,
daöŸ ich
in seinem Herzen eine vergebliche Hoffnung nö¤hre. Ich bin ö¼bel dran.
WeiöŸ
Gott, ich betrieg ihn nicht. Ich will nicht, daöŸ er hoffen soll,
und ich
kann ihn doch nicht verzweifeln lassen.
Mutter. Das ist nicht gut.
Klare. Ich hatte ihn gern und will ihm auch noch wohl in der
Seele. Ich
hö¤tte ihn heiraten kö¶nnen und glaube, ich war nie in ihn verliebt.
Mutter. Glö¼cklich wö¤rst du immer mit ihm gewesen.
Klare. Wö¤re versorgt und hö¤tte ein ruhiges Leben.
Mutter. Und das ist alles durch deine Schuld verscherzt.
Klare. Ich bin in einer wunderlichen Lage. Wenn ich so
nachdenke, wie
es gegangen ist, weiöŸ ich's wohl und weiöŸ es nicht. Und dann
darf ich
Egmont nur wieder ansehen, wird mir alles sehr begreiflich, ja wö¤re
mir
weit mehr begreiflich. Ach, was ist's ein Mann! Alle Provinzen beten
ihn an,
und ich in seinem Arm sollte nicht das glö¼cklichste Geschö¶pf von
der Welt
sein?
Mutter. Wie wird's in der Zukunft werden?
Klare. Ach, ich frage nur, ob er mich liebt; und ob er mich
liebt, ist
das eine Frage?
Mutter. Man hat nichts als Herzensangst mit seinen Kindern.
Wie das
ausgehen wird! Immer Sorge und Kummer! Es geht nicht gut aus! Du
hast dich
unglö¼cklich gemacht! mich unglö¼cklich gemacht.
Klare (gelassen). Ihr lieöŸet es doch im Anfange.
Mutter. Leider war ich zu gut, bin immer zu gut.
Klare. Wenn Egmont vorbeiritt und ich ans Fenster lief,
schaltet Ihr
mich da? Tratet Ihr nicht selbst ans Fenster? Wenn er heraufsah, lö¤chelte,
nickte, mich grö¼öŸte: war es Euch zuwider? Fandet Ihr Euch nicht
selbst in
Eurer Tochter geehrt?
Mutter. Mache mir noch Vorwö¼rfe.
Klare (gerö¼hrt). Wenn er nun ö¶fter die StraöŸe kam, und
wir wohl
fö¼hlten, daöŸ er um meinetwillen den Weg machte, bemerktet Ihr's
nicht
selbst mit heimlicher Freude? Rieft Ihr mich ab, wenn ich
hinter den
Scheiben stand und ihn erwartete?
Mutter. Dachte ich, daöŸ es so weit kommen sollte?
Klare (mit stockender Stimme und zurö¼ckgehaltenen Trö¤nen). Und
wie er
uns abends, in den Mantel eingehö¼llt, bei der Lampe ö¼berraschte,
wer war
geschö¤ftig, ihn zu empfangen, da ich auf meinem Stuhl wie
angekettet und
staunend sitzen blieb?
Mutter. Und konnte ich fö¼rchten, daöŸ diese unglö¼ckliche
Liebe das
kluge Klö¤rchen so bald hinreiöŸen wö¼rde? Ich muöŸ es nun tragen,
daöŸ
meine Tochter -
Klare (mit ausbrechenden Trö¤nen). Mutter! Ihr wollt's nun!
Ihr habt
Eure Freude, mich zu ö¤ngstigen.
Mutter (weinend). Weine noch gar! Mache mich noch elender
durch deine
Betrö¼bnis. Ist mir's nicht Kummer genug, daöŸ meine einzige
Tochter ein
verworfenes Geschö¶pf ist?
Klare (aufstehend und kalt). Verworfen! Egmonts Geliebte
verworfen? -
Welche Fö¼rstin neidete nicht das arme Klö¤rchen um den Platz an
seinem
Herzen! O Mutter - meine Mutter, so redetet Ihr sonst nicht. Liebe
Mutter,
seid gut! Das Volk, was das denkt, die Nachbarinnen, was die murmeln
- Diese
Stube, dieses kleine Haus ist ein Himmel, seit Egmonts Liebe drin
wohnt.
Mutter. Man muöŸ ihm hold sein! das ist wahr. Er ist
immer so
freundlich, frei und offen.
Klare. Es ist keine falsche Ader an ihm. Seht, Mutter, und er
ist doch
der groöŸe Egmont. Und wenn er zu mir kommt, wie er so lieb ist,
so gut! wie
er mir seinen Stand, seine Tapferkeit gerne verbö¤rge! wie er
um mich
besorgt ist! so nur Mensch, nur Freund, nur Liebster.
Mutter. Kommt er wohl heute?
Klare. Habt Ihr mich nicht oft ans Fenster gehen sehn? Habt
Ihr nicht
bemerkt, wie ich horche, wenn's an der Tö¼r rauscht? - Ob ich
schon weiöŸ,
daöŸ er vor Nacht nicht kommt, vermut ich ihn doch jeden
Augenblick, von
morgens an, wenn ich aufstehe. Wö¤r' ich nur ein Bube und kö¶nnte
immer mit
ihm gehen, zu Hofe und ö¼berall hin! Kö¶nnt' ihm die Fahne
nachtragen in der
Schlacht! -
Mutter. Du warst immer so ein Springinsfeld; als ein
kleines Kind
schon, bald toll, bald nachdenklich. Ziehst du dich nicht ein wenig
besser
an?
Klare. Vielleicht, Mutter! wenn ich Langeweile habe! - Gestern,
denkt,
gingen von seinen Leuten vorbei und sangen Lobliedchen auf ihn.
Wenigstens
war sein Name in den Liedern! das ö¼brige konnte ich nicht
verstehn. Das
Herz schlug mir bis an den Hals - Ich hö¤tte sie gern
zurö¼ckgerufen, wenn
ich mich nicht geschö¤mt hö¤tte.
Mutter. Nimm dich in acht! Dein heftiges Wesen verdirbt noch
alles; du
verrö¤tst dich offenbar vor den Leuten. Wie neulich bei dem Vetter,
wie du
den Holzschnitt und die Beschreibung fandst und mit einem Schrei
riefst:
á»Graf Egmont!á« - Ich ward feuerrot.
Klare. Hö¤tt' ich nicht schreien sollen? Es war die
Schlacht bei
Gravelingen, und ich finde oben im Bilde den Buchstaben C. und
suche unten
in der Beschreibung C. Steht da: á»Graf Egmont, dem das Pferd
unter dem
Leibe totgeschossen wird.á« Mich ö¼berlief's - und hernach muöŸt' ich
lachen
ö¼ber den holzgeschnitzten Egmont, der so groöŸ war als der
Turm von
Gravelingen gleich dabei und die englischen Schiffe an der Seite. -
Wenn ich
mich manchmal erinnere, wie ich mir sonst eine Schlacht vorgestellt
und was
ich mir als Mö¤dchen fö¼r ein Bild vom Grafen Egmont machte, wenn
sie von
ihm erzö¤hlten, und von allen Grafen und Fö¼rsten - und wie mir's
jetzt ist!
(Brackenburg kommt.)
Klare. Wie steht's?
Brackenburg. Man weiöŸ nichts Gewisses. In Flandern soll
neuerdings ein
Tumult entstanden sein; die Regentin soll besorgen, er mö¶chte sich
hieher
verbreiten. Das SchloöŸ ist stark besetzt, die Bö¼rger sind zahlreich
an den
Toren, das Volk summt in den Gassen. - Ich will nur schnell zu
meinem alten
Vater. (Als wollt' er gehen.)
Klare. Sieht man Euch morgen? Ich will mich ein wenig
anziehen. Der
Vetter kommt, und ich sehe gar zu liederlich aus. Helft
mir einen
Augenblick, Mutter. - Nehmt das Buch mit, Brackenburg, und bringt mir
wieder
so eine Historie.
Mutter. Lebt wohl.
Brackenburg (seine Hand reichend). Eure Hand!
Klare (ihre Hand versagend). Wenn Ihr wiederkommt. (Mutter und
Tochter
ab.)
Brackenburg (allein). Ich hatte mir vorgenommen, gerade
wieder
fortzugehn; und da sie es dafö¼r aufnimmt und mich gehen lö¤öŸt, mö¶cht'
ich
rasend werden. - Unglö¼cklicher! und dich rö¼hrt deines Vaterlandes
Geschick
nicht? der wachsende Tumult nicht? - und gleich ist dir
Landsmann oder
Spanier, und wer regiert und wer recht hat? - War ich doch ein
andrer Junge
als Schulknabe! - Wenn da ein Exerzitium aufgegeben war: á»Brutus'
Rede fö¼r
die Freiheit, zur öœbung der Redekunstá«, da war doch immer Fritz
der Erste,
und der Rektor sagte: á»Wenn's nur ordentlicher wö¤re, nur nicht
alles so
ö¼bereinander gestolpert.á« - Damals kocht' es und trieb! - Jetzt
schlepp
ich mich an den Augen des Mö¤dchens so hin. Kann ich sie doch
nicht lassen!
Kann sie mich doch nicht lieben! - Ach - Nein - Sie - Sie kann
mich nicht
ganz verworfen haben - Nicht ganz - und halb und nichts! - ich
duld es nicht
lö¤nger! - - Sollte es wahr sein, was mir ein Freund neulich ins
Ohr sagte?
daöŸ sie nachts einen Mann heimlich zu sich einlö¤öŸt, da sie mich
zö¼chtig
immer vor Abend aus dem Hause treibt. Nein, es ist nicht wahr, es
ist eine
Lö¼ge, eine schö¤ndliche verleumderische Lö¼ge! Klö¤rchen ist so
unschuldig,
als ich unglö¼cklich bin. - Sie hat mich verworfen, hat mich
von ihrem
Herzen gestoöŸen - - Und ich soll so fortleben? Ich duld, ich duld
es nicht.
- - Schon wird mein Vaterland von innerm Zwiste heftiger bewegt,
und ich
sterbe unter dem Getö¼mmel nur ab! Ich duld es nicht! - Wenn die
Trompete
klingt, ein SchuöŸ fö¤llt, mir fö¤hrt's durch Mark und Bein! Ach,
es reizt
mich nicht! es fordert mich nicht, auch mit einzugreifen, mit zu
retten, zu
wagen. - Elender, schimpflicher Zustand! Es ist besser, ich end auf
einmal.
Neulich stö¼rzt' ich mich ins Wasser, ich sank - aber die geö¤ngstete
Natur
war stö¤rker; ich fö¼hlte, daöŸ ich schwimmen konnte, und rettete
mich wider
Wille. - - Kö¶nnt' ich der Zeiten vergessen, da sie mich liebte,
mich zu
lieben schien! - Warum hat mir 's Mark und Bein durchdrungen, das
Glö¼ck?
Warum haben mir diese Hoffnungen allen GenuöŸ des Lebens aufgezehrt,
indem
sie mir ein Paradies von weitem zeigten? - Und jener erste KuöŸ!
Jener
einzige! - Hier (die Hand auf den Tisch legend), hier waren wir
allein - sie
war immer gut und freundlich gegen mich gewesen - da schien sie
sich zu
erweichen - sie sah mich an - alle Sinnen gingen mir um, und
ich fö¼hlte
ihre Lippen auf den meinigen. - Und - und nun? - Stirb, Armer!
Was zauderst
du? (Er zieht ein Flö¤schchen aus der Tasche.) Ich will dich nicht
umsonst
aus meines Bruders Doktorkö¤stchen gestohlen haben, heilsames Gift!
Du
sollst mir dieses Bangen, diese Schwindel, diese TodesschweiöŸe auf
einmal
verschlingen und lö¶sen.
Zweiter Aufzug
Platz in Brö¼ssel
Jetter und ein Zimmermeister treten zusammen.
Zimmermeister. Sagt' ich's nicht voraus? Noch vor acht Tagen
auf der
Zunft sagt' ich, es wö¼rde schwere Hö¤ndel geben.
Jetter. Ist's denn wahr, daöŸ sie die Kirchen in Flandern
geplö¼ndert
haben?
Zimmermeister. Ganz und gar zugrunde gerichtet haben sie
Kirchen und
Kapellen. Nichts als die vier nackten Wö¤nde haben sie stehen lassen.
Lauter
Lumpengesindel! Und das macht unsre gute Sache schlimm. Wir hö¤tten
eher, in
der Ordnung und standhaft, unsere Gerechtsame der Regentin
vortragen und
drauf halten sollen. Reden wir jetzt, versammeln wir uns jetzt, so
heiöŸt
es, wir gesellen uns zu den Aufwieglern.
Jetter. Ja, so denkt jeder zuerst: was sollst du mit deiner
Nase voran?
hö¤ngt doch der Hals gar nah damit zusammen.
Zimmermeister. Mir ist's bange, wenn's einmal unter dem Pack zu
lö¤rmen
anfö¤ngt, unter dem Volk, das nichts zu verlieren hat. Die brauchen
das zum
Vorwande, worauf wir uns auch berufen mö¼ssen, und bringen das
Land in
Unglö¼ck.
(Soest tritt dazu.)
Soest. Guten Tag, ihr Herrn! Was gibt's Neues? Ist's wahr,
daöŸ die
Bilderstö¼rmer gerade hierher ihren Lauf nehmen?
Zimmermeister. Hier sollen sie nichts anrö¼hren.
Soest. Es trat ein Soldat bei mir ein, Tobak zu kaufen - den
fragt' ich
aus. Die Regentin, so eine wackre kluge Frau sie bleibt, diesmal
ist sie
auöŸer Fassung. Es muöŸ sehr arg sein, daöŸ sie sich so geradezu
hinter ihre
Wache versteckt. Die Burg ist scharf besetzt. Man meint sogar, sie
wolle aus
der Stadt flö¼chten.
Zimmermeister. Hinaus soll sie nicht! Ihre Gegenwart beschö¼tzt
uns,
und wir wollen ihr mehr verschaffen als ihre Stutzbö¤rte. Und wenn
sie uns
unsere Rechte und Freiheiten aufrechterhö¤lt, so wollen wir sie
auf den
Hö¤nden tragen.
(Seifensieder tritt dazu.)
Seifensieder. Garstige Hö¤ndel! öœble Hö¤ndel! Es wird unruhig
und geht
schief aus! - Hö¼tet euch, daöŸ ihr stille bleibt, daöŸ man euch
nicht auch
fö¼r Aufwiegler hö¤lt.
Soest. Da kommen die sieben Weisen aus Griechenland.
Seifensieder. Ich weiöŸ, da sind viele, die es heimlich
mit den
Calvinisten halten, die auf die Bischö¶fe lö¤stern, die den Kö¶nig
nicht
scheuen. Aber ein treuer Untertan, ein aufrichtiger Katholike! -
(Es gesellt sich nach und nach allerlei Volk zu ihnen und
horcht. -
Vansen tritt dazu.)
Vansen. Gott grö¼öŸ' euch Herren! Was Neues?
Zimmermeister. Gebt euch mit dem nicht ab, das ist ein
schlechter Kerl.
Jetter. Ist es nicht der Schreiber beim Doktor Wiets?
Zimmermeister. Er hat schon viele Herren gehabt. Erst war er
Schreiber,
und wie ihn ein Patron nach dem andern fortjagte, Schelmstreiche
halber,
pfuscht er jetzt Notaren und Advokaten ins Handwerk und
ist ein
Branntweinzapf.
(Es kommt mehr Volk zusammen und steht truppweise.)
Vansen. Ihr seid auch versammelt, steckt die Kö¶pfe zusammen.
Es ist
immer redenswert.
Soest. Ich denk auch.
Vansen. Wenn jetzt einer oder der andere Herz hö¤tte, und
einer oder
der andere den Kopf dazu: wir kö¶nnten die spanischen Ketten auf
einmal
sprengen.
Soest. Herre! So mö¼öŸt Ihr nicht reden. Wir haben dem
Kö¶nig
geschworen.
Vansen. Und der Kö¶nig uns. Merkt das.
Jetter. Das lö¤öŸt sich hö¶ren! Sagt Eure Meinung.
Einige andere. Horch, der versteht's. Der hat Pfiffe.
Vansen. Ich hatte einen alten Patron, der besaöŸ Pergamente und
Briefe
von uralten Stiftungen, Kontrakten und Gerechtigkeiten; er hielt
auf die
rarsten Bö¼cher. In einem stand unsere ganze Verfassung:
wie uns
Niederlö¤nder zuerst einzelne Fö¼rsten regierten, alles nach
hergebrachten
Rechten, Privilegien und Gewohnheiten; wie unsre Vorfahren alle
Ehrfurcht
fö¼r ihren Fö¼rsten gehabt, wenn er sie regiert, wie er sollte; und
wie sie
sich gleich vorsahen, wenn er ö¼ber die Schnur hauen wollte. Die
Staaten
waren gleich hinterdrein: denn jede Provinz, so klein sie war,
hatte ihre
Staaten, ihre Landstö¤nde.
Zimmermeister. Haltet Euer Maul! das weiöŸ man lange! Ein
jeder
rechtschaffene Bö¼rger ist, so viel er braucht, von der
Verfassung
unterrichtet.
Jetter. LaöŸt ihn reden; man erfö¤hrt immer etwas mehr.
Soests. Er hat ganz recht.
Mehrere. Erzö¤hlt! erzö¤hlt! So was hö¶rt man nicht alle Tage.
Vansen. So seid ihr Bö¼rgersleute! Ihr lebt nur so in den Tag
hin; und
wie ihr euer Gewerb' von euern Eltern ö¼berkommen habt, so laöŸt
ihr auch
das Regiment ö¼ber euch schalten und walten, wie es kann und mag.
Ihr fragt
nicht nach dem Herkommen, nach der Historie, nach dem Recht eines
Regenten;
und ö¼ber das Versö¤umnis haben euch die Spanier das Netz ö¼ber
die Ohren
gezogen.
Soests. Wer denkt da dran? wenn einer nur das tö¤gliche Brot
hat.
Jetter. Verflucht! Warum tritt auch keiner in Zeiten auf und
sagt einem
so etwas?
Vansen. Ich sag es euch jetzt. Der Kö¶nig in Spanien, der die
Provinzen
durch gut Glö¼ck zusammen besitzt, darf doch nicht drin schalten und
walten
anders als die kleinen Fö¼rsten, die sie ehemals einzeln besaöŸen.
Begreift
ihr das?
Jetter. Erklö¤rt's uns.
Vansen. Es ist so klar als die Sonne. Mö¼öŸt ihr nicht
nach euern
Landrechten gerichtet werden? Woher kö¤me das?
Ein Bö¼rger. Wahrlich!
Vansen. Hat der Brö¼sseler nicht ein ander Recht als der
Antwerper? der
Antwerper als der Genter? Woher kö¤me denn das?
Anderer Bö¼rger. Bei Gott!
Vansen. Aber, wenn ihr's so fortlaufen laöŸt, wird man's
euch bald
anders weisen. Pfui! Was Karl der Kö¼hne, Friedrich der Krieger,
Karl der
Fö¼nfte nicht konnten, das tut nun Philipp durch ein Weib.
Soests. Ja, ja! Die alten Fö¼rsten haben's auch schon probiert.
Vansen. Freilich! - Unsere Vorfahren paöŸten auf. Wie sie
einem Herrn
gram wurden, fingen sie ihm etwa seinen Sohn und Erben weg, hielten
ihn bei
sich und gaben ihn nur auf die besten Bedingungen heraus. Unsere
Vö¤ter
waren Leute! Die wuöŸten, was ihnen nö¼tz war! Die wuöŸten etwas
zu fassen
und festzusetzen! Rechte Mö¤nner! Dafö¼r sind aber auch unsere
Privilegien
so deutlich, unsere Freiheiten so versichert.
Seifensieder. Was sprecht Ihr von Freiheiten?
Das Volk. Von unsern Freiheiten, von unsern Privilegien! Erzö¤hlt
noch
was von unsern Privilegien.
Vansen. Wir Brabanter besonders, obgleich alle Provinzen ihre
Vorteile
haben, wir sind am herrlichsten versehen. Ich habe alles gelesen.
Soests. Sagt an.
Jetter. LaöŸt hö¶ren.
Ein Bö¼rger. Ich bitt Euch.
Vansen. Erstlich steht geschrieben: Der Herzog von Brabant soll
uns ein
guter und getreuer Herr sein.
Soests. Gut! Steht das so?
Jetter. Getreu? Ist das wahr?
Vansen. Wie ich euch sage. Er ist uns verpflichtet, wie
wir ihm.
Zweitens: Er soll keine Macht oder eignen Willen an uns beweisen,
merken
lassen, oder gedenken zu gestatten, auf keinerlei Weise.
Jetter. Schö¶n! Schö¶n! nicht beweisen.
Soests. Nicht merken lassen.
Ein anderer. Und nicht gedenken zu gestatten! Das ist der
Hauptpunkt.
Niemanden gestatten, auf keinerlei Weise.
Vansen. Mit ausdrö¼cklichen Worten.
Jetter. Schafft uns das Buch.
Ein Bö¼rger. Ja, wir mö¼ssen's haben.
Andere. Das Buch! das Buch!
Ein anderer. Wir wollen zu der Regentin gehen mit dem Buche.
Ein anderer. Ihr sollt das Wort fö¼hren, Herr Doktor.
Seifensieder. O die Trö¶pfe!
Andere. Noch etwas aus dem Buche!
Seifensieder. Ich schlage ihm die Zö¤hne in den Hals, wenn er
noch ein
Wort sagt.
Das Volk. Wir wollen sehen, wer ihm etwas tut. Sagt uns
was von den
Privilegien! Haben wir noch mehr Privilegien?
Vansen. Mancherlei, und sehr gute, sehr heilsame. Da steht
auch: Der
Landsherr soll den geistlichen Stand nicht verbessern oder mehren,
ohne
Verwilligung des Adels und der Stö¤nde! Merkt das! Auch den Staat
des Landes
nicht verö¤ndern.
Soest. Ist das so?
Vansen. Ich will's euch geschrieben zeigen, von zwei-,
dreihundert
Jahren her.
Bö¼rger. Und wir leiden die neuen Bischö¶fe? Der Adel
muöŸ uns
schö¼tzen, wir fangen Hö¤ndel an!
Andere. Und wir lassen uns von der Inquisition ins Bockshorn
jagen?
Vansen. Das ist eure Schuld.
Das Volk. Wir haben noch Egmont! noch Oranien! Die sorgen
fö¼r unser
Bestes!
Vansen. Eure Brö¼der in Flandern haben das gute Werk angefangen.
Seifensieder. Du Hund!
(Er schlö¤gt ihn.)
Andere (widersetzen sich und rufen). Bist du auch ein Spanier?
Ein anderer. Was? den Ehrenmann?
Ein anderer. Den Gelahrten?
(Sie fallen den Seifensieder an.)
Zimmermeister. Um's Himmels willen, ruht!
(Andere mischen sich in den Streit.)
Zimmermeister. Bö¼rger, was soll das?
(Buben pfeifen, werfen mit Steinen, hetzen Hunde an, Bö¼rger
stehn und
gaffen, Volk lö¤uft zu, andere gehn gelassen auf und ab, andere
treiben
allerlei Schalkspossen, schreien und jubilieren.)
Andere. Freiheit und Privilegien! Privilegien und Freiheit!
(Egmont tritt auf mit Begleitung.)
Egmont. Ruhig! Ruhig, Leute! Was gibt's? Ruhe! Bringt sie aus
einander!
Zimmermeister. Gnö¤diger Herr, Ihr kommt wie ein Engel des
Himmels.
Stille! seht ihr nichts? Graf Egmont! Dem Grafen Egmont Reverenz!
Egmont. Auch hier? Was fangt ihr an? Bö¼rger gegen Bö¼rger! Hö¤lt
sogar
die Nö¤he unsrer kö¶niglichen Regentin diesen Unsinn nicht zurö¼ck?
Geht
auseinander, geht an euer Gewerbe. Es ist ein ö¼bles Zeichen, wenn
ihr an
Werktagen feiert. Was war's?
(Der Tumult stillt sich nach und nach, und alle stehen um ihn
herum.)
Zimmermeister. Sie schlagen sich um ihre Privilegien.
Egmont. Die sie noch mutwillig zertrö¼mmern werden - Und wer
seid Ihr?
Ihr scheint mir rechtliche Leute.
Zimmermeister. Das ist unser Bestreben.
Egmont. Eures Zeichens?
Zimmermeister. Zimmermann und Zunftmeister.
Egmont. Und Ihr?
Soest. Krö¤mer.
Egmont. Ihr?
Jetter. Schneider.
Egmont. Ich erinnere mich, Ihr habt mit an den Livreen fö¼r
meine Leute
gearbeitet. Euer Name ist Jetter.
Jetter. Gnade, daöŸ Ihr Euch dessen erinnert.
Egmont. Ich vergesse niemanden leicht, den ich einmal
gesehen und
gesprochen habe. - Was an euch ist, Ruhe zu erhalten, Leute, das
tut; ihr
seid ö¼bel genug angeschrieben. Reizt den Kö¶nig nicht mehr, er hat
zuletzt
doch die Gewalt in Hö¤nden. Ein ordentlicher Bö¼rger, der sich
ehrlich und
fleiöŸig nö¤hrt, hat ö¼berall so viel Freiheit, als er braucht.
Zimmermeister. Ach wohl! das ist eben unsre Not! Die Tagdiebe,
die
Sö¶ffer, die Faulenzer, mit Euer Gnaden Verlaub, die stö¤nkern
aus
Langerweile und scharren aus Hunger nach Privilegien und
lö¼gen den
Neugierigen und Leichtglö¤ubigen was vor, und um eine Kanne Bier
bezahlt zu
kriegen, fangen sie Hö¤ndel an, die viel tausend Menschen
unglö¼cklich
machen. Das ist ihnen eben recht. Wir halten unsre Hö¤user und
Kasten zu gut
verwahrt; da mö¶chten sie gern uns mit Feuerbrö¤nden davontreiben.
Egmont. Allen Beistand sollt ihr finden; es sind MaöŸregeln
genommen,
dem öœbel krö¤ftig zu begegnen. Steht fest gegen die fremde Lehre
und glaubt
nicht, durch Aufruhr befestige man Privilegien. Bleibt zu Hause;
leidet
nicht, daöŸ sie sich auf den StraöŸen rotten. Vernö¼nftige Leute
kö¶nnen
viel tun.
(Indessen hat sich der grö¶öŸte Haufe verlaufen.)
Zimmermeister. Danken Euer Exzellenz, danken fö¼r die gute
Meinung!
Alles, was an uns liegt. (Egmont ab.) Ein gnö¤diger Herr!
der echte
Niederlö¤nder! Gar so nichts Spanisches.
Jetter. Hö¤tten wir ihn nur zum Regenten! Man folgt' ihm gerne.
Soest. Das lö¤öŸt der Kö¶nig wohl sein. Den Platz besetzt er
immer mit
den Seinigen.
Jetter. Hast du das Kleid gesehen? Das war nach der neuesten
Art, nach
spanischem Schnitt.
Zimmermeister. Ein schö¶ner Herr!
Jetter. Sein Hals wö¤r' ein rechtes Fressen fö¼r einen
Scharfrichter.
Soest. Bist du toll? was kommt dir ein!
Jetter. Dumm genug, daöŸ einem so etwas einfö¤llt. - Es ist
mir nun so.
Wenn ich einen schö¶nen langen Hals sehe, muöŸ ich gleich wider
Willen
denken: der ist gut kö¶pfen. - Die verfluchten Exekutionen! man
kriegt sie
nicht aus dem Sinne. Wenn die Bursche schwimmen, und ich seh einen
nackten
Buckel, gleich fallen sie mir zu Dutzenden ein, die ich habe
mit Ruten
streichen sehen. Begegnet mir ein rechter Wanst, mein ich, den sö¤h'
ich
schon am Pfahl braten. Des Nachts im Traume zwickt mich's an allen
Gliedern;
man wird eben keine Stunde froh. Jede Lustbarkeit, jeden SpaöŸ hab
ich bald
vergessen; die fö¼rchterlichen Gestalten sind mir wie vor die
Stirne
gebrannt.
Egmonts Wohnung
Sekretö¤r an einem Tisch mit Papieren, er steht unruhig auf.
Sekretö¤r. Er kommt immer nicht! und ich warte schon zwei
Stunden, die
Feder in der Hand,. die Papiere vor mir; und eben heute mö¶cht'
ich gern so
zeitig fort. Es brennt mir unter den Sohlen. Ich kann vor
Ungeduld kaum
bleiben. á»Sei auf die Stunde daá«, befahl er mir noch, ehe er
wegging; nun
kommt er nicht. Es ist so viel zu tun, ich werde vor
Mitternacht nicht
fertig. Freilich sieht er einem auch einmal durch die Finger. Doch
hielt'
ich's besser, wenn er strenge wö¤re und lieöŸe einen auch
wieder zur
bestimmten Zeit. Man kö¶nnte sich einrichten. Von der Regentin ist
er nun
schon zwei Stunden weg; wer weiöŸ, wen er unterwegs angefaöŸt hat.
(Egmont tritt auf.)
Egmont. Wie sieht's aus?
Sekretö¤r. Ich bin bereit, und drei Boten warten.
Egmont. Ich bin dir wohl zu lang geblieben; du machst ein
verdrieöŸlich
Gesicht.
Sekretö¤r. Euerm Befehl zu gehorchen, wart ich schon lange.
Hier sind
die Papiere!
Egmont. Donna Elvira wird bö¶se auf mich werden, wenn sie hö¶rt,
daöŸ
ich dich abgehalten habe.
Sekretö¤r. Ihr scherzt.
Egmont. Nein, nein. Schö¤me dich nicht. Du zeigst einen
guten
Geschmack. Sie ist hö¼bsch; und es ist mir ganz recht, daöŸ du
auf dem
Schlosse eine Freundin hast. Was sagen die Briefe?
Sekretö¤r. Mancherlei und wenig Erfreuliches.
Egmont. Da ist gut, daöŸ wir die Freude zu Hause haben und
sie nicht
von auswö¤rts zu erwarten brauchen. Ist viel gekommen?
Sekretö¤r. Genug, und drei Boten warten.
Egmont. Sag an! das Nö¶tigste!
Sekretö¤r. Es ist alles nö¶tig.
Egmont. Eins nach dem andern, nur geschwind!
Sekretö¤r. Hauptmann Breda schickt die Relation, was weiter in
Gent und
der umliegenden Gegend vorgefallen. Der Tumult hat sich meistens gelegt.
-
Egmont. Er schreibt wohl noch von einzelnen
Ungezogenheiten und
Tollkö¼hnheiten?
Sekretö¤r. Ja! Es kommt noch manches vor.
Egmont. Verschone mich damit.
Sekretö¤r. Noch sechs sind eingezogen worden, die bei
Wervicq das
Marienbild umgerissen haben. Er fragt an, ob er sie auch wie die
andern soll
hö¤ngen lassen?
Egmont. Ich bin des Hö¤ngens mö¼de. Man soll sie
durchpeitschen, und
sie mö¶gen gehen.
Sekretö¤r. Es sind zwei Weiber dabei; soll er die auch
durchpeitschen?
Egmont. Die mag er verwarnen und laufenlassen.
Sekretö¤r. Brink von Bredas Kompanie will heiraten. Der
Hauptmann
hofft, Ihr werdet's ihm abschlagen. Es sind so viele Weiber bei dem
Haufen,
schreibt er, daöŸ, wenn wir ausziehen, es keinem Soldatenmarsch,
sondern
einem Zigeunergeschleppe ö¤hnlich sehen wird.
Egmont. Dem mag's noch hingehen! Es ist ein schö¶ner junger
Kerl; er
bat mich noch gar dringend, eh' ich wegging. Aber nun soll's
keinem mehr
gestattet sein, so leid mir's tut, den armen Teufeln, die ohnedies
geplagt
genug sind, ihren besten SpaöŸ zu versagen.
Sekretö¤r. Zwei von Euern Leuten, Seter und Hart, haben einem
Mö¤del,
einer Wirtstochter, ö¼bel mitgespielt. Sie kriegten sie allein,
und die
Dirne konnte sich ihrer nicht erwehren.
Egmont. Wenn es ein ehrlich Mö¤dchen ist, und sie haben
Gewalt
gebraucht, so soll er sie drei Tage hintereinander mit Ruten
streichen
lassen, und wenn sie etwas besitzen, soll er so viel davon
einziehen, daöŸ
dem Mö¤dchen eine Ausstattung gereicht werden kann.
Sekretö¤r. Einer von den fremden Lehrern ist heimlich durch
Comines
gegangen und entdeckt worden. Er schwö¶rt, er sei im Begriff,
nach
Frankreich zu gehen. Nach dem Befehl soll er enthauptet werden.
Egmont. Sie sollen ihn in der Stille an die Grenze bringen
und ihm
versichern, daöŸ er das zweitemal nicht so wegkommt.
Sekretö¤r. Ein Brief von Euerm Einnehmer. Er schreibt: es
komme wenig
Geld ein, er kö¶nne auf die Woche die verlangte Summe schwerlich
schicken;
der Tumult habe in alles die grö¶öŸte Konfusion gebracht.
Egmont. Das Geld muöŸ herbei! er mag sehen, wie er es
zusammenbringt.
Sekretö¤r. Er sagt, er werde sein mö¶glichstes tun und wolle
endlich
den Raymond, der Euch so lange schuldig ist, verklagen und in
Verhaft nehmen
lassen.
Egmont. Der hat ja versprochen zu bezahlen.
Sekretö¤r. Das letztemal setzte er sich selbst vierzehn Tage.
Egmont. So gebe man ihm noch vierzehn Tage; und dann mag er
gegen ihn
verfahren.
Sekretö¤r. Ihr tut wohl. Es ist nicht Unvermö¶gen; es ist bö¶ser
Wille.
Er macht gewiöŸ Ernst, wenn er sieht, Ihr spaöŸt nicht. - Ferner
sagt der
Einnehmer: er wolle den alten Soldaten, den Witwen und einigen andern,
denen
Ihr Gnadengehalte gebt, die Gebö¼hr einen halben Monat zurö¼ckhalten;
man
kö¶nne indessen Rat schaffen; sie mö¶chten sich einrichten.
Egmont. Was ist da einzurichten? Die Leute brauchen das Geld
nö¶tiger
als ich. Das soll er bleibenlassen.
Sekretö¤r. Woher befehlt Ihr denn, daöŸ er das Geld nehmen soll?
Egmont. Darauf mag er denken; es ist ihm im vorigen
Briefe schon
gesagt.
Sekretö¤r. Deswegen tut er die Vorschlö¤ge.
Egmont. Die taugen nicht, er soll auf was anders sinnen.
Er soll
Vorschlö¤ge tun, die annehmlich sind, und vor allem soll er
das Geld
schaffen.
Sekretö¤r. Ich habe den Brief des Grafen Oliva wieder
hiehergelegt.
Verzeiht, daöŸ ich Euch daran erinnere. Der alte Herr verdient
vor allen
andern eine ausfö¼hrliche Antwort. Ihr wolltet ihm selbst schreiben.
GewiöŸ,
er liebt Euch wie ein Vater.
Egmont. Ich komme nicht dazu. Und unter vielem VerhaöŸten ist
mir das
Schreiben das VerhaöŸteste. Du machst meine Hand ja so gut nach,
schreib in
meinem Namen. Ich erwarte Oranien. Ich komme nicht dazu; und
wö¼nschte
selbst, daöŸ ihm auf seine Bedenklichkeiten was recht
Beruhigendes
geschrieben wö¼rde.
Sekretö¤r. Sagt mir nur ungefö¤hr Eure Meinung; ich will die
Antwort
schon aufsetzen und sie Euch vorlegen. Geschrieben soll sie werden,
daöŸ sie
vor Gericht fö¼r Eure Hand gelten kann.
Egmont. Gib mir den Brief. (Nachdem er hineingesehen.) Guter
ehrlicher
Alter! Warst du in deiner Jugend auch wohl so bedö¤chtig? Erstiegst
du nie
einen Wall? Bliebst du in der Schlacht, wo es die Klugheit anrö¤t,
hinten? -
Der treue, sorgliche! Er will mein Leben und mein Glö¼ck und
fö¼hlt nicht,
daöŸ der schon tot ist, der um seiner Sicherheit willen lebt. -
Schreib ihm,
er mö¶ge unbesorgt sein; ich handle, wie ich soll, ich werde
mich schon
wahren: sein Ansehn bei Hofe soll er zu meinen Gunsten brauchen
und meines
vollkommnen Dankes gewiöŸ sein.
Sekretö¤r. Nichts weiter? O er erwartet mehr.
Egmont. Was soll ich mehr sagen? Willst du mehr Worte
machen, so
steht's bei dir. Es dreht sich immer um den einen Punkt: ich soll
leben, wie
ich nicht leben mag. DaöŸ ich frö¶hlich bin, die Sachen leicht nehme,
rasch
lebe, das ist mein Glö¼ck; und ich vertausch es nicht gegen die
Sicherheit
eines Totengewö¶lbes. Ich habe nun zu der spanischen Lebensart nicht
einen
Blutstropfen in meinen Adern; nicht Lust, meine Schritte nach der
neuen
bedö¤chtigen Hofkadenz zu mustern. Leb ich nur, um aufs Leben zu
denken?
Soll ich den gegenwö¤rtigen Augenblick nicht genieöŸen, damit
ich des
folgenden gewiöŸ sei? Und diesen wieder mit Sorgen und Grillen
verzehren?
Sekretö¤r. Ich bitt Euch, Herr; seid nicht so harsch und rauh
gegen den
guten Mann. Ihr seid ja sonst gegen alle freundlich. Sagt mir ein
gefö¤llig
Wort, das den edeln Freund beruhige. Seht, wie sorgfö¤ltig er ist,
wie leis
er Euch berö¼hrt.
Egmont. Und doch berö¼hrt er immer diese Saite. Er weiöŸ
von alters
her, wie verhaöŸt mir diese Ermahnungen sind; sie machen nur irre,
sie
helfen nichts. Und wenn ich ein Nachtwandler wö¤re und auf dem gefö¤hrlichen
Gipfel eines Hauses spazierte, ist es freundschaftlich, mich beim
Namen zu
rufen und mich zu warnen, zu wecken und zu tö¶ten? LaöŸt jeden
seines Pfades
gehn; er mag sich wahren.
Sekretö¤r. Es ziemt Euch, nicht zu sorgen, aber wer Euch
kennt und
liebt -
Egmont (in den Brief sehend). Da bringt er wieder die alten
Mö¤rchen
auf, was wir an einem Abend in leichtem öœbermut der Geselligkeit
und des
Weins getrieben und gesprochen; und was man daraus fö¼r Folgen und
Beweise
durchs ganze Kö¶nigreich gezogen und geschleppt habe. - Nun gut!
wir haben
Schellenkappen, Narrenkutten auf unsrer Diener ö„rmel sticken lassen,
und
haben diese tolle Zierde nachher in ein Bö¼ndel Pfeile verwandelt;
ein noch
gefö¤hrlicher Symbol fö¼r alle, die deuten wollen, wo nichts zu
deuten ist.
Wir haben die und jene Torheit in einem lustigen Augenblick empfangen
gleich
und geboren; sind schuld, daöŸ eine ganze edle Schar mit Bettelsö¤cken
und
mit einem selbstgewö¤hlten Unnamen dem Kö¶nige seine Pflicht mit
spottender
Demut ins Gedö¤chtnis rief; sind schuld - was ist's nun weiter?
Ist ein
Fastnachtsspiel gleich Hochverrat? Sind uns die kurzen, bunten
Lumpen zu
miöŸgö¶nnen, die ein jugendlicher Mut, eine angefrischte Phantasie um
unsers
Lebens arme Blö¶öŸe hö¤ngen mag? Wenn ihr das Leben gar zu
ernsthaft nehmt,
was ist denn dran? Wenn uns der Morgen nicht zu neuen Freuden
weckt, am
Abend uns keine Lust zu hoffen ö¼brigbleibt: ist's wohl des An-
und
Ausziehens wert? Scheint mir die Sonne heut, um das zu
ö¼berlegen, was
gestern war? und um zu raten, zu verbinden, was nicht zu erraten,
nicht zu
verbinden ist, das Schicksal eines kommenden Tages? Schenke mir
diese
Betrachtungen; wir wollen sie Schö¼lern und Hö¶flingen ö¼berlassen.
Die
mö¶gen sinnen und aussinnen, wandeln und schleichen, gelangen,
wohin sie
kö¶nnen, erschleichen, was sie kö¶nnen. - Kannst du von allem
diesem etwas
brauchen, daöŸ deine Epistel kein Buch wird, so ist mir's recht.
Dem guten
Alten scheint alles viel zu wichtig. So drö¼ckt ein Freund, der
lang unsre
Hand gehalten, sie stö¤rker noch einmal, wenn er sie lassen will.
Sekretö¤r. Verzeiht mir, es wird dem FuöŸgö¤nger schwindlig, der
einen
Mann, mit rasselnder Eile daherfahren sieht.
Egmont. Kind! Kind! nicht weiter! Wie von unsichtbaren
Geistern
gepeitscht, gehen die Sonnenpferde der Zeit mit unsers Schicksals
leichtem
Wagen durch; und uns bleibt nichts, als, mutig gefaöŸt, die
Zö¼gel
festzuhalten und bald rechts bald links, vom Steine hier vom Sturze
da, die
Rö¤der wegzulenken. Wohin es geht, wer weiöŸ es? Erinnert er sich
doch kaum,
woher er kam.
Sekretö¤r. Herr! Herr!
Egmont. Ich stehe hoch und kann und muöŸ noch hö¶her
steigen; ich
fö¼hle mir Hoffnung, Mut und Kraft. Noch hab ich meines Wachstums
Gipfel
nicht erreicht; und steh ich droben einst, so will ich fest,
nicht
ö¤ngstlich stehn. Soll ich fallen, so mag ein Donnerschlag, ein
Sturmwind,
ja ein selbst verfehlter Schritt mich abwö¤rts in die Tiefe
stö¼rzen; da
lieg ich mit viel Tausenden. Ich habe nie verschmö¤ht, mit
meinen guten
Kriegsgesellen um kleinen Gewinst das blutige Los zu werfen; und
sollt' ich
knickern, wenn's um den ganzen freien Wert des Lebens geht?
Sekretö¤r. O Herr! Ihr wiöŸt nicht, was fö¼r Worte Ihr
sprecht! Gott
erhalt' Euch!
Egmont. Nimm deine Papiere zusammen. Oranien kommt. Fertige aus,
was am
nö¶tigsten ist, daöŸ die Boten fortkommen, eh die Tore geschlossen
werden.
Das andere hat Zeit. Den Brief an den Grafen laöŸ bis morgen;
versö¤ume
nicht, Elviren zu besuchen, und grö¼öŸe sie von mir. - Horche, wie
sich die
Regentin befindet; sie soll nicht wohl sein, ob sie's gleich
verbirgt.
(Sekretö¤r ab.)
(Oranien kommt.)
Egmont. Willkommen, Oranien. Ihr scheint mir nicht ganz frei.
Oranien. Was sagt Ihr zu unsrer Unterhaltung mit der Regentin?
Egmont. Ich fand in ihrer Art, uns aufzunehmen,
nichts
AuöŸerordentliches. Ich habe sie schon mehr so gesehen. Sie schien
mir nicht
ganz wohl.
Oranien. Merktet Ihr nicht, daöŸ sie zurö¼ckhaltender war? Erst
wollte
sie unser Betragen bei dem neuen Aufruhr des Pö¶bels gelassen
billigen;
nachher merkte sie an, was sich doch auch fö¼r ein falsches
Licht darauf
werfen lasse; wich dann mit dem Gesprö¤che zu ihrem alten gewö¶hnlichen
Diskurs: daöŸ man ihre liebevolle gute Art, ihre Freundschaft
zu uns
Niederlö¤ndern, nie genug erkannt, zu leicht behandelt habe, daöŸ
nichts
einen erwö¼nschten Ausgang nehmen wolle, daöŸ sie am Ende wohl mö¼de
werden,
der Kö¶nig sich zu andern MaöŸregeln entschlieöŸen mö¼sse. Habt
Ihr das
gehö¶rt?
Egmont. Nicht alles; ich dachte unterdessen an was anders. Sie
ist ein
Weib, guter Oranien, und die mö¶chten immer gern, daöŸ sich alles
unter ihr
sanftes Joch gelassen schmiegte, daöŸ jeder Herkules die Lö¶wenhaut
ablegte
und ihren Kunkelhof vermehrte; daöŸ, weil sie friedlich gesinnt sind,
die
Gö¤rung, die ein Volk ergreift, der Sturm, den mö¤chtige
Nebenbuhler
gegeneinander erregen, sich durch ein freundlich Wort beilegen
lieöŸe und
die widrigsten Elemente sich zu ihren Fö¼öŸen in sanfter
Eintracht
vereinigten. Das ist ihr Fall; und da sie es dahin nicht bringen
kann, so
hat sie keinen Weg, als launisch zu werden, sich ö¼ber
Undankbarkeit,
Unweisheit zu beklagen, mit schrecklichen Aussichten in die
Zukunft zu
drohen, und zu drohen - daöŸ sie fortgehn will.
Oranien. Glaubt Ihr dasmal nicht, daöŸ sie ihre Drohung erfö¼llt?
Egmont. Nimmermehr! Wie oft habe ich sie schon reisefertig
gesehn! Wo
will sie denn hin? Hier Statthalterin, Kö¶nigin; glaubst du, daöŸ
sie es
unterhalten wird, am Hofe ihres Bruders unbedeutende Tage abzuhaspeln?
oder
nach Italien zu gehen und sich in alten Familienverhö¤ltnissen
herumzuschleppen?
Oranien. Man hö¤lt sie dieser EntschlieöŸung nicht fö¤hig, weil
Ihr sie
habt zaudern, weil Ihr sie habt zurö¼cktreten sehn; dennoch liegt's
wohl in
ihr; neue Umstö¤nde treiben sie zu dem lang verzö¶gerten EntschluöŸ.
Wenn
sie ginge? und der Kö¶nig schickte einen andern?
Egmont. Nun, der wö¼rde kommen, und wö¼rde eben auch zu tun
finden. Mit
groöŸen Planen, Projekten und Gedanken wö¼rde er kommen, wie er
alles
zurechtrö¼cken, unterwerfen und zusammenhalten wolle; und wö¼rde heut
mit
dieser Kleinigkeit, morgen mit einer andern zu tun haben,
ö¼bermorgen jene
Hindernis finden, einen Monat mit Entwö¼rfen, einen andern mit
VerdruöŸ
ö¼ber fehlgeschlagne Unternehmen, ein halb Jahr in Sorgen ö¼ber eine
einzige
Provinz zubringen. Auch ihm wird die Zeit vergehn, der Kopf
schwindeln und
die Dinge wie zuvor ihren Gang halten, daöŸ er, statt weite Meere
nach einer
vorgezognen Linie zu durchsegeln, Gott danken mag, wenn er sein
Schiff in
diesem Sturme vom Felsen hö¤lt.
Oranien. Wenn man nun aber dem Kö¶nig zu einem Versuch riete?
Egmont. Der wö¤re?
Oranien. Zu sehen, was der Rumpf ohne Haupt anfinge.
Egmont. Wie?
Oranien. Egmont, ich trage viele Jahre her alle unsere Verhö¤ltnisse
am
Herzen, ich stehe immer wie ö¼ber einem Schachspiele und halte
keinen Zug
des Gegners fö¼r unbedeutend; und wie mö¼öŸige Menschen mit der grö¶öŸten
Sorgfalt sich um die Geheimnisse der Natur bekö¼mmern, so halt ich
es fö¼r
Pflicht, fö¼r Beruf eines Fö¼rsten, die Gesinnungen, die Ratschlö¤ge
aller
Parteien zu kennen. Ich habe Ursach', einen Ausbruch zu befö¼rchten.
Der
Kö¶nig hat lange nach gewissen Grundsö¤tzen gehandelt; er sieht,
daöŸ er
damit nicht auskommt; was ist wahrscheinlicher, als daöŸ er es
auf einem
andern Wege versucht?
Egmont. Ich glaub's nicht. Wenn man alt wird und hat so viel
versucht,
und es will in der Welt nie zur Ordnung kommen, muöŸ man es
endlich wohl
genug haben.
Oranien. Eins hat er noch nicht versucht.
Egmont. Nun?
Oranien. Das Volk zu schonen und die Fö¼rsten zu verderben.
Egmont. Wie viele haben das schon lange gefö¼rchtet! Es
ist keine
Sorge.
Oranien. Sonst war's Sorge; nach und nach ist mir's Vermutung,
zuletzt
GewiöŸheit geworden.
Egmont. Und hat der Kö¶nig treuere Diener als uns?
Oranien. Wir dienen ihm auf unsere Art; und unter einander kö¶nnen
wir
gestehen, daöŸ wir des Kö¶nigs Rechte und die unsrigen wohl
abzuwö¤gen
wissen.
Egmont. Wer tut's nicht? Wir sind ihm untertan und gewö¤rtig
in dem,
was ihm zukommt.
Oranien. Wenn er sich nun aber mehr zuschriebe und
Treulosigkeit
nennte, was wir heiöŸen: auf unsre Rechte halten?
Egmont. Wir werden uns verteidigen kö¶nnen. Er rufe die
Ritter des
Vlieses zusammen, wir wollen uns richten lassen.
Oranien. Und was wö¤re ein Urteil vor der Untersuchung? eine
Strafe vor
dem Urteil?
Egmont. Eine Ungerechtigkeit, der sich Philipp nie schuldig
machen
wird; und eine Torheit, die ich ihm und seinen Rö¤ten nicht zutraue.
Oranien. Und wenn sie nun ungerecht und tö¶richt wö¤ren?
Egmont. Nein, Oranien, es ist nicht mö¶glich. Wer sollte wagen,
Hand an
uns zu legen? - Uns gefangenzunehmen, wö¤r' ein verlornes und
fruchtloses
Unternehmen. Nein, sie wagen nicht, das Panier der Tyrannei
so hoch
aufzustecken. Der Windhauch, der diese Nachricht ö¼bers Land brö¤chte,
wö¼rde ein ungeheures Feuer zusammentreiben. Und wohinaus wollten
sie?
Richten und verdammen kann nicht der Kö¶nig allein; und
wollten sie
meuchelmö¶rderisch an unser Leben? - Sie kö¶nnen nicht wollen.
Ein
schrecklicher Bund wö¼rde in einem Augenblick das Volk vereinigen.
HaöŸ und
ewige Trennung vom spanischen Namen wö¼rde sich gewaltsam erklö¤ren.
Oranien. Die Flamme wö¼tete dann ö¼ber unserm Grabe, und
das Blut
unsrer Feinde flö¶sse zum leeren Sö¼hnopfer. LaöŸ uns denken, Egmont.
Egmont. Wie sollten sie aber?
Oranien. Alba ist unterwegs.
Egmont. Ich glaub's nicht.
Oranien. Ich weiöŸ es.
Egmont. Die Regentin wollte nichts wissen.
Oranien. Um desto mehr bin ich ö¼berzeugt. Die Regentin wird
ihm Platz
machen. Seinen Mordsinn kenn ich, und ein Heer bringt er mit.
Egmont. Aufs neue die Provinzen zu belö¤stigen? Das Volk wird
hö¶chst
schwierig werden.
Oranien. Man wird sich der Hö¤upter versichern.
Egmont. Nein! Nein!
Oranien. LaöŸ uns gehen, jeder in seine Provinz. Dort wollen
wir uns
verstö¤rken; mit offner Gewalt fö¤ngt er nicht an.
Egmont. Mö¼ssen wir ihn nicht begrö¼öŸen, wenn er kommt?
Oranien. Wir zö¶gern.
Egmont. Und wenn er uns im Namen des Kö¶nigs bei seiner
Ankunft
fordert?
Oranien. Suchen wir Ausflö¼chte.
Egmont. Und wenn er dringt?
Oranien. Entschuldigen wir uns.
Egmont. Und wenn er drauf besteht?
Oranien. Kommen wir um so weniger.
Egmont. Und der Krieg ist erklö¤rt, und wir sind die Rebellen.
Oranien,
laöŸ dich nicht durch Klugheit verfö¼hren; ich weiöŸ, daöŸ Furcht
dich nicht
weichen macht. Bedenke den Schritt.
Oranien. Ich hab ihn bedacht.
Egmont. Bedenke, wenn du dich irrst, woran du schuld bist;
an dem
verderblichsten Kriege, der je ein Land verwö¼stet hat. Dein Weigern
ist das
Signal, das die Provinzen mit einmal zu den Waffen ruft,
das jede
Grausamkeit rechtfertigt, wozu Spanien von jeher nur gern den
Vorwand
gehascht hat. Was wir lange mö¼hselig gestillt haben, wirst du
mit einem
Winke zur schrecklichsten Verwirrung aufhetzen. Denk an die Stö¤dte,
die
Edeln, das Volk, an die Handlung, den Feldbau, die Gewerbe! und
denke die
Verwö¼stung, den Mord! - Ruhig sieht der Soldat wohl im Felde
seinen
Kameraden neben sich hinfallen; aber den FluöŸ herunter werden
dir die
Leichen der Bö¼rger, der Kinder, der Jungfrauen entgegenschwimmen,
daöŸ du
mit Entsetzen dastehst und nicht mehr weiöŸt, wessen Sache du
verteidigst,
da die zugrunde gehen, fö¼r deren Freiheit du die Waffen ergriffst.
Und wie
wird dir's sein, wenn du dir still sagen muöŸt: á»Fö¼r meine
Sicherheit
ergriff ich sie.á«
Oranien. Wir sind nicht einzelne Menschen, Egmont. Ziemt es sich,
uns
fö¼r Tausende hinzugeben, so ziemt es sich auch, uns fö¼r
Tausende zu
schonen.
Egmont. Wer sich schont, muöŸ sich selbst verdö¤chtig werden.
Oranien. Wer sich kennt, kann sicher vor- und rö¼ckwö¤rts gehen.
Egmont. Das öœbel, das du fö¼rchtest, wird gewiöŸ durch deine
Tat.
Oranien. Es ist klug und kö¼hn, dem unvermeidlichen
öœbel
entgegenzugehn.
Egmont. Bei so groöŸer Gefahr kommt die leichteste
Hoffnung in
Anschlag.
Oranien. Wir haben nicht fö¼r den leisesten FuöŸtritt Platz mehr;
der
Abgrund liegt hart vor uns.
Egmont. Ist des Kö¶nigs Gunst ein so schmaler Grund?
Oranien. So schmal nicht, aber schlö¼pfrig.
Egmont. Bei Gott! man tut ihm Unrecht. Ich mag nicht leiden,
daöŸ man
unwö¼rdig von ihm denkt! Er ist Karls Sohn und keiner Niedrigkeit fö¤hig.
Oranien. Die Kö¶nige tun nichts Niedriges.
Egmont. Man sollte ihn kennenlernen.
Oranien. Eben diese Kenntnis rö¤t uns, eine gefö¤hrliche Probe
nicht
abzuwarten.
Egmont. Keine Probe ist gefö¤hrlich, zu der man Mut hat.
Oranien. Du wirst aufgebracht, Egmont.
Egmont. Ich muöŸ mit meinen Augen sehen.
Oranien. O sö¤hst du diesmal nur mit den meinigen! Freund,
weil du sie
offen hast, glaubst du, du siehst. Ich gehe! Warte du Albas Ankunft
ab, und
Gott sei bei dir! Vielleicht rettet dich mein Weigern. Vielleicht
daöŸ der
Drache nichts zu fangen glaubt, wenn er uns nicht beide auf
einmal
verschlingt. Vielleicht zö¶gert er, um seinen Anschlag
sicherer
auszufö¼hren; und vielleicht siehest du indes die Sache in ihrer
wahren
Gestalt. Aber dann schnell! schnell! Rette! rette dich! - Leb wohl!
- LaöŸ
deiner Aufmerksamkeit nichts entgehen: wieviel Mannschaft er mitbringt,
wie
er die Stadt besetzt, was fö¼r Macht die Regentin behö¤lt, wie deine
Freunde
gefaöŸt sind. Gib mir Nachricht - - - Egmont -
Egmont. Was willst du?
Oranien (ihn bei der Hand fassend). LaöŸ dich ö¼berreden! Geh
mit!
Egmont. Wie? Trö¤nen, Oranien?
Oranien. Einen Verlornen zu beweinen, ist auch mö¤nnlich.
Egmont. Du wö¤hnst mich verloren?
Oranien. Du bist's. Bedenke! Dir bleibt nur eine kurze Frist.
Leb wohl!
(Ab.)
Egmont (allein). DaöŸ andrer Menschen Gedanken solchen EinfluöŸ
auf uns
haben! Mir wö¤r' es nie eingekommen; und dieser Mann trö¤gt
seine
Sorglichkeit in mich herö¼ber. - Weg! - Das ist ein fremder
Tropfen in
meinem Blute. Gute Natur, wirf ihn wieder heraus! Und von meiner
Stirne die
sinnenden Runzeln wegzubaden, gibt es ja wohl noch ein freundlich
Mittel.
Dritter Aufzug
Palast der Regentin
Margarete von Parma.
Margarete. Ich hö¤tte mir's vermuten sollen. Ha! Wenn man in
Mö¼he und
Arbeit vor sich hinlebt, denkt man immer, man tue das Mö¶glichste;
und der
von weitem zusieht und befiehlt, glaubt, er verlange nur das Mö¶gliche.
- O
die Kö¶nige! - Ich hö¤tte nicht geglaubt, daöŸ es mich so
verdrieöŸen
kö¶nnte. Es ist so schö¶n zu herrschen! - Und abzudanken? - Ich
weiöŸ nicht,
wie mein Vater es konnte; aber ich will es auch.
(Machiavell erscheint im Grunde.)
Regentin. Tretet nö¤her, Machiavell. Ich denke hier ö¼ber den
Brief
meines Bruders.
Machiavell. Ich darf wissen, was er enthö¤lt?
Regentin. So viel zö¤rtliche Aufmerksamkeit fö¼r mich als
Sorgfalt fö¼r
seine Staaten. Er rö¼hmt die Standhaftigkeit, den FleiöŸ und die
Treue,
womit ich bisher fö¼r die Rechte seiner Majestö¤t in diesen Landen
gewacht
habe. Er bedauert mich, daöŸ mir das unbö¤ndige Volk so viel zu
schaffen
mache. Er ist von der Tiefe meiner Einsichten so vollkommen
ö¼berzeugt, mit
der Klugheit meines Betragens so auöŸerordentlich zufrieden, daöŸ ich
fast
sagen muöŸ, der Brief ist fö¼r einen Kö¶nig zu schö¶n geschrieben,
fö¼r
einen Bruder gewiöŸ.
Machiavell. Es ist nicht das erstemal, daöŸ er Euch seine
gerechte
Zufriedenheit bezeigt.
Regentin. Aber das erstemal, daöŸ es rednerische Figur ist.
Machiavell. Ich versteh Euch nicht.
Regentin. Ihr werdet. - Denn er meint, nach diesem Eingange:
ohne
Mannschaft, ohne eine kleine Armee werde ich immer hier eine
ö¼ble Figur
spielen! Wir hö¤tten, sagt er, unrecht getan, auf die Klagen der
Einwohner
unsre Soldaten aus den Provinzen zu ziehen. Eine Besatzung, meint er,
die
dem Bö¼rger auf dem Nacken lastet, verbiete ihm durch ihre Schwere,
groöŸe
Sprö¼nge zu machen.
Machiavell. Es wö¼rde die Gemö¼ter ö¤uöŸerst aufbringen.
Regentin. Der Kö¶nig meint aber, hö¶rst du? - Er meint,
daöŸ ein
tö¼chtiger General, so einer, der gar keine Rö¤son annimmt, gar
bald mit
Volk und Adel, Bö¼rgern und Bauern fertig werden kö¶nne; - und
schickt
deswegen mit einem starken Heere - den Herzog von Alba.
Machiavell. Alba?
Regentin. Du wunderst dich?
Machiavell. Ihr sagt: er schickt. Er fragt wohl, ob er schicken
soll?
Regentin. Der Kö¶nig fragt nicht; er schickt.
Machiavell. So werdet Ihr einen erfahrnen Krieger in Euren
Diensten
haben.
Regentin. In meinen Diensten? Rede grad heraus, Machiavell.
Machiavell. Ich mö¶cht' Euch nicht vorgreifen.
Regentin. Und ich mö¶chte mich verstellen! Es ist mir empfindlich,
sehr
empfindlich. Ich wollte lieber, mein Bruder sagte, wie er's denkt,
als daöŸ
er fö¶rmliche Episteln unterschreibt, die ein Staatssekretö¤r aufsetzt.
Machiavell. Sollte man nicht einsehen? -
Regentin. Und ich kenne sie inwendig und auswendig. Sie mö¶chten's
gern
gesö¤ubert und gekehrt haben; und weil sie selbst nicht zugreifen, so
findet
ein jeder Vertrauen, der mit dem Besen in der Hand kommt. O mir
ist's, als
wenn ich den Kö¶nig und sein Konseil auf dieser Tapete gewirkt sö¤he.
Machiavell. So lebhaft?
Regentin. Es fehlt kein Zug. Es sind gute Menschen
drunter. Der
ehrliche Rodrich, der so erfahren und mö¤öŸig ist, nicht zu hoch
will, und
doch nichts fallen lö¤öŸt, der gerade Alonzo, der fleiöŸige Freneda,
der
feste Las Vargas, und noch einige, die mitgehen, wenn die gute
Partei
mö¤chtig wird. Da sitzt aber der hohlö¤ugige Toledaner mit der ehrnen
Stirne
und dem tiefen Feuerblick, murmelt zwischen den Zö¤hnen von
Weibergö¼te,
unzeitigem Nachgeben und daöŸ Frauen wohl von zugerittenen Pferden
sich
tragen lassen, selbst aber schlechte Stallmeister sind, und solche Spö¤öŸe,
die ich ehemals von den politischen Herren habe mit durchhö¶ren
mö¼ssen.
Machiavell. Ihr habt zu dem Gemö¤lde einen guten Farbentopf gewö¤hlt.
Regentin. Gesteht nur, Machiavell: In meiner ganzen Schattierung,
aus
der ich allenfalls malen kö¶nnte, ist kein Ton so gelbbraun-gallenschwarz
wie Albas Gesichtsfarbe und als die Farbe, aus der er malt. Jeder
ist bei
ihm gleich ein Gotteslö¤sterer, ein Majestö¤tsschö¤nder: denn aus
diesem
Kapitel kann man sie alle sogleich rö¤dern, pfö¤hlen,
vierteilen und
verbrennen. - Das Gute, was ich hier getan habe, sieht gewiöŸ in
der Ferne
wie nichts aus, eben weil's gut ist. - Da hö¤ngt er sich an jeden
Mutwillen,
der vorbei ist, erinnert an jede Unruhe, die gestillt ist; und es
wird dem
Kö¶nige vor den Augen so voll Meuterei, Aufruhr und Tollkö¼hnheit,
daöŸ er
sich vorstellt, sie frö¤öŸen sich hier einander auf, wenn eine
flö¼chtig
vorö¼bergehende Ungezogenheit eines rohen Volks bei uns lange vergessen
ist.
Da faöŸt er einen recht herzlichen HaöŸ auf die armen Leute; sie
kommen ihm
abscheulich, ja wie Tiere und Ungeheuer vor; er sieht sich nach
Feuer und
Schwert um und wö¤hnt, so bö¤ndige man Menschen.
Machiavell. Ihr scheint mir zu heftig, Ihr nehmt die Sache
zu hoch.
Bleibt Ihr nicht Regentin?
Regentin. Das kenn ich. Er wird eine Instruktion bringen. -
Ich bin in
Staatsgeschö¤ften alt genug geworden, um zu wissen, wie man
einen
verdrö¤ngt, ohne ihm seine Bestallung zu nehmen. - Erst wird
er eine
Instruktion bringen, die wird unbestimmt und schief sein; er wird
um sich
greifen, denn er hat die Gewalt; und wenn ich mich beklage, wird
er eine
geheime Instruktion vorschö¼tzen; wenn ich sie sehen will, wird
er mich
herumziehen; wenn ich drauf bestehe, wird er mir ein Papier zeigen,
das ganz
was anders enthö¤lt; und wenn ich mich da nicht beruhige, gar
nicht mehr
tun, als wenn ich redete. - Indes wird er, was ich fö¼rchte, getan,
und was
ich wö¼nsche, weit abwö¤rts gelenkt haben.
Machiavell. Ich wollt', ich kö¶nnt' Euch widersprechen.
Regentin. Was ich mit unsö¤glicher Geduld beruhigte, wird er
durch
Hö¤rte und Grausamkeiten wieder aufhetzen; ich werde vor meinen
Augen mein
Werk verloren sehen und ö¼berdies noch seine Schuld zu tragen haben.
Machiavell. Erwarten's Eure Hoheit.
Regentin. So viel Gewalt hab ich ö¼ber mich, um stille zu
sein. LaöŸ
ihn kommen; ich werde ihm mit der besten Art Platz machen, eh'
er mich
verdrö¤ngt.
Machiavell. So rasch diesen wichtigen Schritt?
Regentin. Schwerer, als du denkst. Wer zu herrschen gewohnt ist,
wer's
hergebracht hat, daöŸ jeden Tag das Schicksal von Tausenden in
seiner Hand
liegt, steigt vom Throne wie ins Grab. Aber besser so, als einem
Gespenste
gleich unter den Lebenden bleiben und mit hohlem Ansehn einen
Platz
behaupten wollen, den ihm ein anderer abgeerbt hat und nun
besitzt und
genieöŸt.
Klö¤rchens Wohnung
Klö¤rchen. Mutter.
Mutter. So eine Liebe wie Brackenburgs hab ich nie
gesehen; ich
glaubte, sie sei nur in Heldengeschichten.
Klö¤rchen (geht in der Stube auf und ab, ein Lied zwischen
den Lippen
summend).
Glö¼cklich allein
Ist die Seele, die liebt.
Mutter. Er vermutet deinen Umgang mit Egmont; und ich glaube,
wenn du
ihm ein wenig freundlich tö¤test, wenn du wolltest, er heiratete dich
noch.
Klö¤rchen (singt).
Freudvoll
Und leidvoll,
Gedankenvoll sein,
Langen
Und bangen
In schwebender Pein,
Himmelhoch jauchzend,
Zum Tode betrö¼bt -
Glö¼cklich allein
Ist die Seele, die liebt.
Mutter. LaöŸ das Heiopopeia.
Klö¤rchen. Scheltet mir's nicht; es ist ein krö¤ftig Lied. Hab
ich doch
schon manchmal ein groöŸes Kind damit schlafen gewiegt.
Mutter. Du hast doch nichts im Kopfe als deine Liebe. Vergö¤öŸest
du
nur nicht alles ö¼ber das eine. Den Brackenburg solltest du in Ehren
halten,
sag ich dir. Er kann dich noch einmal glö¼cklich machen.
Klö¤rchen. Er?
Mutter. O ja! es kommt eine Zeit! - Ihr Kinder seht nichts
voraus und
ö¼berhorcht unsre Erfahrungen. Die Jugend und die schö¶ne Liebe,
alles hat
sein Ende; und es kommt eine Zeit, wo man Gott dankt, wenn man
irgendwo
unterkriechen kann.
Klö¤rchen (schaudert, schweigt und fö¤hrt auf). Mutter, laöŸt
die Zeit
kommen wie den Tod. Dran vorzudenken ist schreckhaft! - Und wenn
er kommt!
Wenn wir mö¼ssen - dann - wollen wir uns gebö¤rden, wie wir kö¶nnen
-
Egmont, ich dich entbehren! - (In Trö¤nen.) Nein, es ist nicht mö¶glich,
nicht mö¶glich.
Egmont (in einem Reitermantel, den Hut ins Gesicht
gedrö¼ckt).
Klö¤rchen!
Klö¤rchen (tut einen Schrei, fö¤hrt zurö¼ck). Egmont! (Sie eilt
auf ihn
zu.) Egmont! (Sie umarmt ihn und ruht an ihm.) O du Guter, Lieber,
Sö¼öŸer!
Kommst du? bist du da!
Egmont. Guten Abend, Mutter.
Mutter. Gott grö¼öŸ' Euch, edler Herr! Meine Kleine ist fast
vergangen,
daöŸ Ihr so lang ausbleibt; sie hat wieder den ganzen Tag von
Euch geredet
und gesungen.
Egmont. Ihr gebt mir doch ein Nachtessen?
Mutter. Zu viel Gnade. Wenn wir nur etwas hö¤tten.
Klö¤rchen. Freilich! Seid nur ruhig, Mutter; ich habe schon
alles
darauf eingerichtet, ich habe etwas zubereitet. Verratet mich nicht,
Mutter.
Mutter. Schmal genug.
Klö¤rchen. Wartet nur! Und dann denk ich: wenn er bei mir ist,
hab ich
gar keinen Hunger; da sollte er auch keinen groöŸen Appetit haben,
wenn ich
bei ihm bin.
Egmont. Meinst du?
Klö¤rchen (stampft mit dem FuöŸe und kehrt sich unwillig um).
Egmont. Wie ist dir?
Klö¤rchen. Wie seid Ihr heute so kalt! Ihr habt mir noch
keinen KuöŸ
angeboten. Warum habt Ihr die Arme in den Mantel gewickelt
wie ein
Wochenkind? Ziemt keinem Soldaten noch Liebhaber, die Arme
eingewickelt zu
haben.
Egmont. Zuzeiten, Liebchen, zuzeiten. Wenn der Soldat auf der
Lauer
steht und dem Feinde etwas ablisten mö¶chte, da nimmt er sich
zusammen,
faöŸt sich selbst in seine Arme und kaut seinen Anschlag reif.
Und ein
Liebhaber -
Mutter. Wollt Ihr Euch nicht setzen? es Euch nicht bequem
machen? Ich
muöŸ in die Kö¼che; Klö¤rchen denkt an nichts, wenn Ihr da seid.
Ihr mö¼öŸt
fö¼rliebnehmen.
Egmont. Euer guter Wille ist die beste Wö¼rze. (Mutter ab.)
Klö¤rchen. Und was wö¤re denn meine Liebe?
Egmont. So viel du willst.
Klö¤rchen. Vergleicht sie, wenn Ihr das Herz habt.
Egmont. Zuvö¶rderst also. (Er wirft den Mantel ab und steht
in einem
prö¤chtigen Kleide da.)
Klö¤rchen. O je!
Egmont. Nun hab ich die Arme frei. (Er herzt sie.)
Klö¤rchen. LaöŸt! Ihr verderbt Euch. (Sie tritt zurö¼ck.)
Wie
prö¤chtig! Da darf ich Euch nicht anrö¼hren.
Egmont. Bist du zufrieden? Ich versprach dir, einmal
spanisch zu
kommen.
Klö¤rchen. Ich bat Euch zeither nicht mehr drum; ich dachte,
Ihr
wolltet nicht - Ach und das Goldne Vlies!
Egmont. Da siehst du's nun.
Klö¤rchen. Das hat dir der Kaiser umgehö¤ngt?
Egmont. Ja, Kind! und Kette und Zeichen geben dem, der sie trö¤gt,
die
edelsten Freiheiten. Ich erkenne auf Erden keinen Richter ö¼ber
meine
Handlungen als den GroöŸmeister des Ordens, mit dem versammelten
Kapitel der
Ritter.
Klö¤rchen. O du dö¼rftest die ganze Welt ö¼ber dich richten
lassen. -
Der Sammet ist gar zu herrlich, und die Passementarbeit! und das
Gestickte!
- Man weiöŸ nicht, wo man anfangen soll.
Egmont. Sieh dich nur satt.
Klö¤rchen. Und das Goldne Vlies! Ihr erzö¤hltet mir die
Geschichte und
sagtet, es sei ein Zeichen alles GroöŸen und Kostbaren, was man mit
Mö¼h und
FleiöŸ verdient und erwirbt. Es ist sehr kostbar - ich kann's
deiner Liebe
vergleichen. - Ich trage sie ebenso am Herzen - und hernach -
Egmont. Was willst du sagen?
Klö¤rchen. Hernach vergleicht sich's auch wieder nicht.
Egmont. Wieso?
Klö¤rchen. Ich habe sie nicht mit Mö¼h und FleiöŸ erworben,
nicht
verdient.
Egmont. In der Liebe ist es anders. Du verdienst sie, weil
du dich
nicht darum bewirbst - und die Leute erhalten sie auch meist
allein, die
nicht darnach jagen.
Klö¤rchen. Hast du das von dir abgenommen? Hast du diese
stolze
Anmerkung ö¼ber dich selbst gemacht? du, den alles Volk liebt?
Egmont. Hö¤tt' ich nur etwas fö¼r sie getan! kö¶nnt' ich etwas
fö¼r sie
tun! Es ist ihr guter Wille, mich zu lieben.
Klö¤rchen. Du warst gewiöŸ heute bei der Regentin?
Egmont. Ich war bei ihr.
Klö¤rchen. Bist du gut mit ihr?
Egmont. Es sieht einmal so aus. Wir sind einander
freundlich und
dienstlich.
Klö¤rchen. Und im Herzen?
Egmont. Will ich ihr wohl. Jedes hat seine eignen Absichten.
Das tut
nichts zur Sache. Sie ist eine treffliche Frau, kennt ihre Leute,
und sö¤he
tief genug, wenn sie auch nicht argwö¶hnisch wö¤re. Ich mache ihr
viel zu
schaffen, weil sie hinter meinem Betragen immer Geheimnisse sucht,
und ich
keine habe.
Klö¤rchen. So gar keine?
Egmont. Eh nun! einen kleinen Hinterhalt. Jeder Wein setzt
Weinstein in
den Fö¤ssern an mit der Zeit. Oranien ist doch noch eine
bessere
Unterhaltung fö¼r sie und eine immer neue Aufgabe. Er hat sich in
den Kredit
gesetzt, daöŸ er immer etwas Geheimes vorhabe: und nun sieht sie
immer nach
seiner Stirne, was er wohl denken, auf seine Schritte, wohin er
sie wohl
richten mö¶chte.
Klö¤rchen. Verstellt sie sich?
Egmont. Regentin, und du fragst?
Klö¤rchen. Verzeiht, ich wollte fragen: ist sie falsch?
Egmont. Nicht mehr und nicht weniger als jeder, der seine
Absichten
erreichen will.
Klö¤rchen. Ich kö¶nnte mich in die Welt nicht finden. Sie hat
aber auch
einen mö¤nnlichen Geist, sie ist ein ander Weib als wir Nö¤hterinnen
und
Kö¶chinnen. Sie ist groöŸ, herzhaft, entschlossen.
Egmont. Ja, wenn's nicht gar zu bunt geht. Diesmal ist sie
doch ein
wenig aus der Fassung.
Klö¤rchen. Wieso?
Egmont. Sie hat auch ein Bö¤rtchen auf der Oberlippe, und
manchmal
einen Anfall von Podagra. Eine rechte Amazone!
Klö¤rchen. Eine majestö¤tische Frau! Ich scheute mich, vor
sie zu
treten.
Egmont. Du bist doch sonst nicht zaghaft - Es wö¤re auch
nicht Furcht,
nur jungfrö¤uliche Scham.
Klö¤rchen (schlö¤gt die Augen nieder, nimmt seine Hand und
lehnt sich
an ihn).
Egmont. Ich verstehe dich! liebes Mö¤dchen! du darfst die
Augen
aufschlagen. (Er kö¼öŸt ihre Augen.)
Klö¤rchen. LaöŸ mich schweigen! LaöŸ mich dich halten. LaöŸ mich
dir in
die Augen sehen; alles drin finden, Trost und Hoffnung und
Freude und
Kummer. (Sie umarmt ihn und sieht ihn an.) Sag mir! Sage! ich
begreife
nicht! bist du Egmont? der Graf Egmont? der groöŸe Egmont, der
so viel
Aufsehn macht, von dem in den Zeitungen steht, an dem die Provinzen
hö¤ngen?
Egmont. Nein, Klö¤rchen, das bin ich nicht.
Klö¤rchen. Wie?
Egmont. Siehst du, Klö¤rchen! - LaöŸ mich sitzen! (Er setzt
sich, sie
kniet vor ihn auf einen Schemel, legt ihr Arme auf seinen SchoöŸ
und sieht
ihn an.) Jener Egmont ist ein verdrieöŸlicher, steifer, kalter Egmont,
der
an sich halten, bald dieses bald jenes Gesicht machen muöŸ;
geplagt,
verkannt, verwickelt ist, wenn ihn die Leute fö¼r froh und frö¶hlich
halten;
geliebt von einem Volke, das nicht weiöŸ, was es will; geehrt und
in die
Hö¶he getragen von einer Menge, mit der nichts anzufangen ist;
umgeben von
Freunden, denen er sich nicht ö¼berlassen darf; beobachtet von Menschen,
die
ihm auf alle Weise beikommen mö¶chten; arbeitend und sich bemö¼hend,
oft
ohne Zweck meist ohne Lohn - O laöŸ mich schweigen, wie es dem
ergeht, wie
es dem zumute ist. Aber dieser, Klö¤rchen, der ist ruhig, offen,
glö¼cklich,
geliebt und gekannt von dem besten Herzen, das auch er ganz kennt
und mit
voller Liebe und Zutrauen an das seine drö¼ckt. (Er umarmt sie.)
Das ist
dein Egmont!
Klö¤rchen. So laöŸ mich sterben! Die Welt hat keine Freuden auf
diese!
Vierter Aufzug
StraöŸe
Jetter. Zimmermeister.
Jetter. He! Pst! He, Nachbar, ein Wort!
Zimmermeister. Geh deines Pfads und sei ruhig.
Jetter. Nur ein Wort. Nichts Neues?
Zimmermeister. Nichts, als daöŸ uns von Neuem zu reden verboten
ist.
Jetter. Wie?
Zimmermeister. Tretet hier ans Haus an. Hö¼tet Euch! Der
Herzog von
Alba hat gleich bei seiner Ankunft einen Befehl ausgehen lassen,
dadurch
zwei oder drei, die auf der StraöŸe zusammen sprechen, des
Hochverrats ohne
Untersuchung schuldig erklö¤rt sind.
Jetter. O weh!
Zimmermeister. Bei ewiger Gefangenschaft ist verboten, von
Staatssachen
zu reden.
Jetter. O unsre Freiheit!
Zimmermeister. Und bei Todesstrafe soll niemand die
Handlungen der
Regierung miöŸbilligen.
Jetter. O unsre Kö¶pfe!
Zimmermeister. Und mit groöŸem Versprechen werden Vö¤ter,
Mö¼tter,
Kinder, Verwandte, Freunde, Dienstboten eingeladen, was in dem
Innersten des
Hauses vorgeht, bei dem besonders niedergesetzten Gerichte zu offenbaren.
Jetter. Gehn wir nach Hause.
Zimmermeister. Und den Folgsamen ist versprochen, daöŸ sie
weder an
Leibe, noch Ehre, noch Vermö¶gen einige Krö¤nkung erdulden sollen.
Jetter. Wie gnö¤dig! War mir's doch gleich weh, wie der
Herzog in die
Stadt kam. Seit der Zeit ist mir's, als wö¤re der Himmel mit einem
schwarzen
Flor ö¼berzogen und hinge so tief herunter, daöŸ man sich bö¼cken
mö¼sse, um
nicht dran zu stoöŸen.
Zimmermeister. Und wie haben dir seine Soldaten gefallen? Gelt!
das ist
eine andre Art von Krebsen, als wir sie sonst gewohnt waren.
Jetter. Pfui! Es schnö¼rt einem das Herz ein, wenn man so
einen Haufen
die Gassen hinab marschieren sieht. Kerzengerad mit unverwandtem Blick,
ein
Tritt, soviel ihrer sind. Und wenn sie auf der Schildwache stehen
und du
gehst an einem vorbei, ist's, als wenn er dich durch und durch
sehen wollte,
und sieht so steif und mö¼rrisch aus, daöŸ du auf allen
Ecken einen
Zuchtmeister zu sehen glaubst. Sie tun mir gar nicht wohl. Unsre
Miliz war
doch noch ein lustig Volk; sie nahmen sich was heraus,
standen mit
ausgegrö¤tschten Beinen da, hatten den Hut ö¼berm Ohr, lebten und
lieöŸen
leben; diese Kerle aber sind wie Maschinen, in denen ein Teufel sitzt.
Zimmermeister. Wenn so einer ruft. á»Halt!á« und anschlö¤gt,
meinst du,
man hielte?
Jetter. Ich wö¤re gleich des Todes.
Zimmermeister. Gehn wir nach Hause.
Jetter. Es wird nicht gut. Adieu.
(Soest tritt dazu.)
Soest. Freunde! Genossen!
Zimmermeister. Still! LaöŸt uns gehen.
Soest. WiöŸt ihr?
Jetter. Nur zu viel!
Soest. Die Regentin ist weg.
Jetter. Nun gnad' uns Gott!
Zimmermeister. Die hielt uns noch.
Soest. Auf einmal und in der Stille. Sie konnte sich mit
dem Herzog
nicht vertragen; sie lieöŸ dem Adel melden, sie komme wieder.
Niemand
glaubt's.
Zimmermeister. Gott verzeih's dem Adel, daöŸ er uns diese neue
GeiöŸel
ö¼ber den Hals gelassen hat. Sie hö¤tten es abwenden kö¶nnen.
Unsre
Privilegien sind hin.
Jetter. Um Gottes willen nichts von Privilegien! Ich wittre den
Geruch
von einem Exekutionsmorgen; die Sonne will nicht hervor, die Nebel
stinken.
Soest. Oranien ist auch weg.
Zimmermeister. So sind wir denn ganz verlassen!
Soest. Graf Egmont ist noch da.
Jetter. Gott sei Dank! Stö¤rken ihn alle Heiligen, daöŸ er
sein Bestes
tut; der ist allein was vermö¶gend.
(Vansen tritt auf.)
Vansen. Find ich endlich ein paar, die noch nicht untergekrochen
sind?
Jetter. Tut uns den Gefallen und geht fö¼rbaöŸ.
Vansen. Ihr seid nicht hö¶flich.
Zimmermeister. Es ist gar keine Zeit zu Komplimenten. Juckt
Euch der
Buckel wieder? Seid Ihr schon durchgeheilt?
Vansen. Fragt einen Soldaten nach seinen Wunden! Wenn ich auf
Schlö¤ge
was gegeben hö¤tte, wö¤re sein Tage nichts aus mir geworden.
Jetter. Es kann ernstlicher werden.
Vansen. Ihr spö¼rt von dem Gewitter, das aufsteigt, eine erbö¤rmliche
Mattigkeit in den Gliedern, scheint's.
Zimmermeister. Deine Glieder werden sich bald woanders eine
Motion
machen, wenn du nicht ruhst.
Vansen. Armselige Mö¤use, die gleich verzweifeln, wenn der
Hausherr
eine neue Katze anschafft! Nur ein biöŸchen anders; aber wir
treiben unser
Wesen vor wie nach, seid nur ruhig.
Zimmermeister. Du bist ein verwegener Taugenichts.
Vansen. Gevatter Tropf! LaöŸ du den Herzog nur gewö¤hren.
Der alte
Kater sieht aus, als wenn er Teufel statt Mö¤use gefressen hö¤tte
und
kö¶nnte sie nun nicht verdauen. LaöŸt ihn nur erst; er muöŸ
auch essen,
trinken, schlafen wie andere Menschen. Es ist mir nicht bange,
wenn wir
unsere Zeit recht nehmen. Im Anfange geht's rasch; nachher wird
er auch
finden, daöŸ in der Speisekammer unter den Speckseiten besser leben
ist und
des Nachts zu ruhen, als auf dem Fruchtboden einzelne Mö¤uschen zu
erlisten.
Geht nur, ich kenne die Statthalter.
Zimmermeister. Was so einem Menschen alles durchgeht! Wenn
ich in
meinem Leben so etwas gesagt hö¤tte, hielt' ich mich keine
Minute fö¼r
sicher.
Vansen. Seid nur ruhig! Gott im Himmel erfö¤hrt nichts
von euch
Wö¼rmern, geschweige der Regent.
Jetter. Lö¤stermaul!
Vansen. Ich weiöŸ andere, denen es besser wö¤re, sie hö¤tten
statt
ihres Heldenmuts eine Schneiderader im Leibe.
Zimmermeister. Was wollt Ihr damit sagen?
Vansen. Hm! den Grafen mein ich.
Jetter. Egmont! Was soll der fö¼rchten?
Vansen. Ich bin ein armer Teufel und kö¶nnte ein ganzes Jahr
leben von
dem, was er in einem Abende verliert. Und doch kö¶nnt' er mir sein
Einkommen
eines ganzen Jahres geben, wenn er meinen Kopf auf eine
Viertelstunde
hö¤tte.
Jetter. Du denkst dich was Rechts. Egmonts Haare sind
gescheiter als
dein Hirn.
Vansen. Redt Ihr! Aber nicht feiner. Die Herren betriegen
sich am
ersten. Er sollte nicht trauen.
Jetter. Was er schwö¤tzt! So ein Herr!
Vansen. Eben weil er kein Schneider ist.
Jetter. Ungewaschen Maul!
Vansen. Dem wollt' ich Eure Courage nur eine Stunde in die
Glieder
wö¼nschen, daöŸ sie ihm da Unruh machte und ihn so lange neckte
und juckte,
bis er aus der Stadt mö¼öŸte.
Jetter. Ihr redet recht unverstö¤ndig; er ist so sicher wie
der Stern
am Himmel.
Vansen. Hast du nie einen sich schneuzen gesehn? Weg war er!
Zimmermeister. Wer will ihm denn was tun?
Vansen. Wer will? Willst du's etwa hindern? Willst du einen
Aufruhr
erregen, wenn sie ihn gefangennehmen?
Jetter. Ah!
Vansen. Wollt ihr eure Rippen fö¼r ihn wagen?
Soest. Eh!
Vansen (sie nachö¤ffend). Ih! Oh! Uh! Verwundert euch durchs
ganze
Alphabet. So ist's und bleibt's! Gott bewahre ihn!
Jetter. Ich erschrecke ö¼ber Eure Unverschö¤mtheit. So ein
edler,
rechtschaffener Mann sollte was zu befö¼rchten haben?
Vansen. Der Schelm sitzt ö¼berall im Vorteil.
Auf dem
Armensö¼nderstö¼hlchen hat er den Richter zum Narren; auf dem
Richterstuhl
macht er den Inquisiten mit Lust zum Verbrecher. Ich habe so ein
Protokoll
abzuschreiben gehabt, wo der Kommissarius schwer Lob und Geld
vom Hofe
erhielt, weil er einen ehrlichen Teufel, an den man wollte, zum
Schelmen
verhö¶rt hatte.
Zimmermeister. Das ist wieder frisch gelogen. Was wollen
sie denn
heraus verhö¶ren, wenn einer unschuldig ist?
Vansen. O Spatzenkopf! Wo nichts herauszuverhö¶ren ist, da verhö¶rt
man
hinein. Ehrlichkeit macht unbesonnen, auch wohl trotzig. Da fragt
man erst
recht sachte weg, und der Gefangne ist stolz auf seine Unschuld,
wie sie's
heiöŸen, und sagt alles geradezu, was ein Verstö¤ndiger verbö¤rge.
Dann
macht der Inquisitor aus den Antworten wieder Fragen und paöŸt ja
auf, wo
irgendein Widersprö¼chelchen erscheinen will; da knö¼pft er seinen
Strick
an, und lö¤öŸt sich der dumme Teufel betreten, daöŸ er hier etwas
zu viel,
dort etwas zu wenig gesagt oder wohl gar aus Gott weiöŸ was
fö¼r einer
Grille einen Umstand verschwiegen hat, auch wohl irgend an einem
Ende sich
hat schrecken lassen: dann sind wir auf dem rechten Weg! Und ich
versichre
euch, mit mehr Sorgfalt suchen die Bettelweiber nicht die Lumpen
aus dem
Kehricht, als so ein Schelmenfabrikant aus kleinen, schiefen,
verschobenen,
verrö¼ckten, verdrö¼ckten, geschlossenen, bekannten, geleugneten
Anzeigen
und Umstö¤nden sich endlich einen strohlumpenen
Vogelscheu
zusammenkö¼nstelt, um wenigstens seinen Inquisiten in effigie hö¤ngen
zu
kö¶nnen. Und Gott mag der arme Teufel danken, wenn er sich noch
kann hö¤ngen
sehen.
Jetter. Der hat eine gelö¤ufige Zunge.
Zimmermeister. Mit Fliegen mag das angehen. Die Wespen lachen
Eures
Gespinstes.
Vansen. Nachdem die Spinnen sind. Seht, der lange Herzog hat
euch so
ein rein Ansehn von einer Kreuzspinne, nicht einer dickbö¤uchigen,
die sind
weniger schlimm, aber so einer langfö¼öŸigen, schmalleibigen, die vom
FraöŸe
nicht feist wird und recht dö¼nne Fö¤den zieht, aber desto zö¤here.
Jetter. Egmont ist Ritter des Goldnen Vlieses; wer darf Hand
an ihn
legen? Nur von seinesgleichen kann er gerichtet werden, nur vom
gesamten
Orden. Dein loses Maul, dein bö¶ses Gewissen verfö¼hren dich zu
solchem
Geschwö¤tz.
Vansen. Will ich ihm darum ö¼bel? Mir kann's recht sein. Es
ist ein
trefflicher Herr. Ein paar meiner guten Freunde, die anderwö¤rts
schon
wö¤ren gehangen worden, hat er mit einem Buckel voll Schlö¤ge
verabschiedet.
Nun geht! Geht! Ich rat es euch selbst. Dort seh ich wieder
eine Runde
antreten; die sehen nicht aus, als wenn sie so bald Brö¼derschaft
mit uns
trinken wö¼rden. Wir wollen's abwarten und nur sachte zusehen. Ich
hab ein
paar Nichten und einen Gevatter Schenkwirt; wenn sie von denen
gekostet
haben und werden dann nicht zahm, so sind sie ausgepichte Wö¶lfe.
Der Culenburgische Palast
Wohnung des Herzogs von Alba
Silva und Gomez begegnen einander.
Silva. Hast du die Befehle des Herzogs ausgerichtet?
Gomez. Pö¼nktlich. Alle tö¤gliche Runden sind beordert, zur
bestimmten
Zeit an verschiedenen Plö¤tzen einzutreffen, die ich ihnen bezeichnet
habe;
sie gehen indes, wie gewö¶hnlich, durch die Stadt, um Ordnung zu
erhalten.
Keiner weiöŸ von dem andern; jeder glaubt, der Befehl gehe ihn
allein an,
und in einem Augenblick kann alsdann der Kordon gezogen und alle
Zugö¤nge
zum Palast kö¶nnen besetzt sein. WeiöŸt du die Ursache dieses Befehls?
Silva. Ich bin gewohnt, blindlings zu gehorchen. Und wem
gehorcht
sich's leichter als dem Herzoge, da bald der Ausgang beweist, daöŸ
er recht
befohlen hat?
Gomez. Gut! Gut! Auch scheint es mir kein Wunder, daöŸ
du so
verschlossen und einsilbig wirst wie er, da du immer um ihn sein
muöŸt. Mir
kommt es fremd vor, da ich den leichteren italienischen Dienst
gewohnt bin.
An Treue und Gehorsam bin ich der alte; aber ich habe mir das Schwö¤tzen
und
Rö¤sonieren angewö¶hnt. Ihr schweigt alle und laöŸt es euch nie
wohl sein.
Der Herzog gleicht mir einem ehrnen Turm ohne Pforte, wozu die
Besatzung
Flö¼gel hö¤tte. Neulich hö¶rt' ich ihn bei Tafel von einem
frohen
freundlichen Menschen sagen: er sei wie eine schlechte Schenke mit
einem
ausgesteckten Branntweinzeichen, um Mö¼öŸiggö¤nger, Bettler und
Diebe
hereinzulocken.
Silva. Und hat er uns nicht schweigend hierhergefö¼hrt?
Gomez. Dagegen ist nichts zu sagen. GewiöŸ! Wer Zeuge seiner
Klugheit
war, wie er die Armee aus Italien hierher brachte, der hat etwas
gesehen.
Wie er sich durch Freund und Feind, durch die Franzosen, Kö¶niglichen
und
Ketzer, durch die Schweizer und Verbundnen gleichsam durchschmiegte,
die
strengste Mannszucht hielt und einen Zug, den man so gefö¤hrlich
achtete,
leicht und ohne AnstoöŸ zu leiten wuöŸte! - Wir haben was
gesehen, was
lernen kö¶nnen.
Silva. Auch hier! Ist nicht alles still und ruhig, als
wenn kein
Aufstand gewesen wö¤re?
Gomez. Nun, es war auch schon meist still, als wir her kamen.
Silva. In den Provinzen ist es viel ruhiger geworden; und
wenn sich
noch einer bewegt, so ist es, um zu entfliehen. Aber auch diesen
wird er die
Wege bald versperren, denk ich.
Gomez. Nun wird er erst die Gunst des Kö¶nigs gewinnen.
Silva. Und uns bleibt nichts angelegener, als uns die
seinige zu
erhalten. Wenn der Kö¶nig hieherkommt, bleibt gewiöŸ der Herzog und
jeder,
den er empfiehlt, nicht unbelohnt.
Gomez. Glaubst du, daöŸ der Kö¶nig kommt?
Silva. Es werden so viele Anstalten gemacht, daöŸ es
hö¶chst
wahrscheinlich ist.
Gomez. Mich ö¼berreden sie nicht.
Silva. So rede wenigstens nicht davon. Denn wenn des Kö¶nigs
Absicht ja
nicht sein sollte zu kommen, so ist sie's doch wenigstens gewiöŸ,
daöŸ man
es glauben soll.
(Ferdinand, Albas natö¼rlicher Sohn.)
Ferdinand. Ist mein Vater noch nicht heraus?
Silva. Wir warten auf ihn.
Ferdinand. Die Fö¼rsten werden bald hier sein.
Gomez. Kommen sie heute?
Ferdinand. Oranien und Egmont.
Gomez (leise zu Silva). Ich begreife etwas.
Silva. So behalt es fö¼r dich.
(Herzog von Alba. - Wie er herein- und hervortritt, treten
die andern
zurö¼ck.)
Alba. Gomez.
Gomez (tritt vor). Herr!
Alba. Du hast die Wachen verteilt und beordert?
Gomez. Aufs genaueste. Die tö¤glichen Runden -
Alba. Genug. Du wartest in der Galerie. Silva wird dir den
Augenblick
sagen, wenn du sie zusammenziehen, die Zugö¤nge nach dem Palast
besetzen
sollst. Das ö¼brige weiöŸt du.
Gomez. Ja, Herr! (Ab.)
Alba. Silva!
Silva. Hier bin ich.
Alba. Alles, was ich von jeher an dir geschö¤tzt habe,
Mut,
Entschlossenheit, unaufhaltsames Ausfö¼hren, das zeige heut.